Eintracht Frankfurt - Hannover 96

Bundesliga 1971/1972 - 33. Spieltag

3:1 (1:0)

Termin: Sa 24.06.1972, 15:30 Uhr
Zuschauer: 9.000
Schiedsrichter: Dr. Gerd Siepe (Köln)
Tore: 1:0 Jürgen Kalb (8.), 2:0 Jürgen Kalb (59., Foulelfmeter), 3:0 Ender Konca (74.), 3:1 Willi Reimann (90.)

 

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Eintracht Frankfurt Hannover 96

 


  • Franz-Josef Pauly
  • Hans-Herbert Blumenthal
  • Peter Anders
  • Hans-Josef Hellingrath
  • Rainer Stiller
  • Willi Reimann
  • Hans-Joachim Weller
  • Rolf Blau
  • Jürgen Bandura
  • Hans Siemensmeyer
  • Georg Beichle

 

Wechsel Wechsel
  • Wolfgang Thiele für Peter Anders (67.)
  • Karl-August Herbeck für Georg Beichle (71.)
Trainer Trainer
  • Hans Hipp

 

Unbesiegt vor Trümmern

Es geht dem Saisonende entgegen, und das Kommen und Gehen zur nächsten Spielzeit ist bereits im Gange. So wechselt Jugend-Nationalspieler Werner Hoffmann, der in seinen zwei Jahren bei der Eintracht zu keinem Pflichtspieleinsatz bei den Profis kam, zu den Eisbachtaler Sportfreunden, die gerade den Aufstieg in die Regionalliga Südwest geschafft haben. Dafür kommt vom Freiburger FC der Linksaußen Josef "Seppi" Hofmeister, der zuvor auch schon für Darmstadt 98 und Borussia Dortmund am Ball war. Übrigens hat die Eintracht auch HSV-Jugendspieler Schulz verpflichtet, der für den Bundesligakader infrage kommt, aber vorerst bei den Amateuren eingesetzt wird. Ritter, der auf der Transferliste stand, hat mit dem DJK Gütersloh einen neuen Verein bekommen.

Während der Transfermarkt auf Touren kommt und sich die Mannschaften neu aufstellen, hat DFB-Trainer Derwall seine Planungen für das olympische Fußballturnier bereits abgeschlossen. Zu Hause bleiben 16 unglückliche Fußballer, für die sich Derwall aus einem Kreis von 35 Kandidaten nicht hat entscheiden können. Zu den 19 Auserwählten, die den DFB in München vertreten sollen, gehören Torhüter Günter Wienhold, der im Sommer zur Eintracht wechselt, sowie seine zukünftigen Mannschaftskameraden Jürgen Kalb und Bernd Nickel.

Zu Hause sitzt auch Bernd Hölzenbein, obwohl ihn keiner ausgemustert hat. Im Gegenteil – just als er in den erweiterten Kreis der Nationalmannschaft berufen wurde, verletzte er sich. Hölzenbein liegt auf Eis, weil sein rechter Fuß – zumindest für die nächsten acht Tage – in einem Gips steckt. Wie Weidle, den es ja bereits gegen den VfB erwischte und der ebenfalls einen Gips trägt, ist Hölzenbein am Knöchel verletzt. Doch während es bei Weidle "nur" eine Bänderzerrung und eine lädierte Kapsel sind, wurde beim "Holz" auch noch ein linsengroßes Stück Knochen abgesprengt. Die im Freundschaftsspiel in Aßlar am 6.6. erlittenen Verletzungen kommen zur Unzeit für "Holz" und die Eintracht: "Da werde ich kaum noch in dieser Saison mitkicken können. Dabei brauchen wir gerade jetzt jeden, denn wir wollen doch den fünften Platz haben", klagt der Mittelfeldmann, während sein vierjähriges Töchterchen Sabrina Papas Gipsbein als schönes Spielzeug ansieht.

Des einen Leid, ist eben des andern Freud’. Sollte "Sepp" Maier oder Wolfgang Kleff ein Leid in Form einer Verletzung zustoßen, wäre Dr. Peter Kunter der Nutznießer. Der DFB hat Dr. Kunter gebeten, sich bereitzuhalten, falls einer der beiden Torleute bei der Europameisterschaft in Belgien ausfallen sollte. Wenn Bundestrainer Helmut Schön nicht einen Notruf aus Belgien schickt, darf Dr. Kunter allerdings zu Hause bleiben.

Mit in Belgien, aber nicht sicher in der ersten Elf, ist Jürgen Grabowski, den zuletzt eine Verletzung außer Gefecht gesetzt hat, die ihn auch um seinen Einsatz im Viertelfinalrückspiel gegen England brachte. Gegen die Bayern war "Grabi" in der Bundesliga aber wieder am Ball und erzielte bei der 3:6-Klatsche das Tor zum 2:3. Bundestrainer Schön hat sich aber vor dem Halbfinale gegen Gastgeber Belgien noch nicht festgelegt, wen er auf Rechtsaußen stellen will – Grabowski oder Heynckes. "Das ist die einzige Position, wo die endgültige Entscheidung noch nicht getroffen ist", zaudert Schön.

Zum Nachteil gereicht Grabowski, dass er seit der WM vor zwei Jahren den Titel des "weltbesten Einwechselspielers" trägt. "In Mexiko haben wir ja erlebt, wie nahtlos der Jürgen diese Aufgabe übernehmen kann", deutet DFB-Pressesprecher Dr. Wilfried Gerhardt an, in welche Richtung Schöns Entscheidung gehen könnte. Und Grabowski zeigt sich wie so oft einsichtig: "Ich kannte ja diese Rolle früher nur vom Hörensagen. Hinterher habe ich mich daran gewöhnt. Und jetzt fühle ich mich genau wie in Mexiko." "Rein gefühlsmäßig glaube ich, dass Heynckes spielen wird", vermutet der Eintracht-Kapitän, und das Gefühl täuscht ihn nicht. Immerhin wird Grabowski nach 58 Minuten für Uli Hoeneß eingewechselt. Schöns Elf siegt mit 2:1 und zieht ins Finale gegen die UdSSR ein.

"Jürgen Grabowski verstand sich mit Beckenbauer besonders gut und fühlte sich in seiner neuen Rolle als Zubringer wohl. Seine Stärke lag in der guten Ballführung und im Abspiel", schreibt der "Kicker" über die Leistung des Frankfurters gegen Belgien. Grabowski, der in fast allen EM-Spielen dabei war, darf sich also nach seiner Leistung Chancen auf einen Platz in der Final-Elf ausrechnen, doch der im Halbfinale enttäuschende Hoeneß darf auch im Endspiel von Beginn an ran und dieses Mal auch durchspielen – Schön macht von seinen Wechselmöglichkeiten keinen Gebrauch.

Wie beim 4:1 wenige Wochen zuvor bei der Eröffnung des Münchner Olympiastadions dominiert Schönes Elf den Gegner aus der Sowjetunion auch diesmal nach Belieben, demonstriert hohe Fußballkunst und schlägt die Auswahl der UdSSR glatt mit 3:0. Besser und schöner als die Mannschaft um Günter Netzer und Franz Beckenbauer hat man eine deutsche Nationalmannschaft kaum spielen sehen. Unmittelbar vor Spielende droht ein Spielabbruch, als die Zuschauer bei einer Unterbrechung aufs Spielfeld vordringen und nur mit Mühe und unter Mithilfe der Spieler zurückgedrängt werden können. Nach dem Abpfiff gibt es dann aber im Heysel-Stadion kein Halten mehr, Tausende stürmen auf den Rasen, den Polizeikordon und sämtliche Sperren überwindend.

Ein Journalist notiert nach dem Spiel: Hoeneß "... tat alles, um seine schwache Leistung aus dem Belgienspiel vergessen zu machen. Ganz gelang es ihm nicht. Sehr mannschaftsdienlich, eine ständige Anspielstation, aber sonst fehlte ihm der Glanz von Wembley oder München." Doch wen interessiert das sportliche Schicksal Grabowskis und eine mögliche Ungerechtigkeit, im Angesicht des beeindruckenden Triumphes der DFB-Auswahl, die sich zum ersten Mal den Titel eines Europameisters holt?

Noch ein zweites Länderspiel steht im Fokus der mainischen Fußballanhänger: In Wien besiegt Österreichs Auswahl im zweiten WM-Qualifikationsspiel Schweden mit 2:0. Aus Frankfurter Sicht ist erfreulich, dass Eintrachtstürmer Thomas Parits nach etwas mehr als einer Stunde den Führungstreffer erzielt. "Es ist eine arge nervliche Belastung, wenn man gewinnen muss", gesteht Parits nach dem Sieg: "Nach meinem Führungstreffer wusste ich, dass wir es geschafft haben."

Während es in Brüssel und Wien um Ruhm und Ehre zu gehen scheint, steht in der Bankenstadt Frankfurt in den letzten Wochen mal wieder der schnöde Mammon im Vordergrund. Dabei kann die Vereinsführung der Eintracht auf der Jahreshauptversammlung im Rathaus-Casino am 16. Juni zum ersten Mal seit vielen Jahren einen positiven Abschluss für ein Geschäftsjahr vorlegen. Der für 1971 ausgewiesene Gewinn von 4.144 DM ist zwar bescheiden, aber nach der jahrelangen Talfahrt in eine immer größere Verschuldung, die aktuell bei 2,2 Millionen Mark steht, kann man dank des vorausschauenden Wirtschaftens des Präsidiums um Albert Zellekens erste Anzeichen einer finanziellen Gesundung des Vereins erkennen.

Die Bemühungen der Mannschaft um Zellekens drohen allerdings konterkariert zu werden. "Der Umbau des Waldstadions bringt uns sicher nach 1974 Vorteile", räumt Präsident Zellekens ein, "doch bis dahin, so fürchte ich, stürzen wir tief in die roten Zahlen. Während des Umbaues steht uns manchmal nur die halbe Zahl von Zuschauerplätzen zur Verfügung. Niemals können wir einen überdachten Sitzplatz anbieten. Unsere Einnahmen werden schrecklich sinken." Die Eintracht fühlt sich von der Stadt allein gelassen, denn mit dem Stadionumbau erscheint es als unmöglich, dass abermals - wie 1971 – 520.000 Zuschauer die Kassen passieren werden. "Für das nächste Jahr müssen wir wegen der eingeschränkten Zuschauerkapazität mit einem Verlust von einer Million rechnen. Nur 30.000 bis 40.000 Zuschauer können je nach Baustadium erreicht werden, teure überdachte Sitzplätze können wir gar nicht verkaufen", rechnet Zellekens vor und beklagt sich: "Andere Städte helfen ihren Bundesligavereinen aus dem Fonds für Wirtschaftswerbung, für das Theater gibt es jährlich über 30 Millionen an Zuschüssen, unsere über 500.000 Zuschauer gehen daran gemessen leer aus. Wenn die Stadt uns nicht hilft, dann kann es durchaus sein, dass nach der WM 1974 das Stadion leer steht, weil wir aus finanziellen Gründen die oberste Spielklasse nicht halten können", nimmt Zellekens kein Blatt vor dem Mund.

Die Drohkulisse, die der Eintracht-Präsident aufbaut, um die Stadt unter Druck zu setzen, steht auf einem sicheren Fundament, denn auch der Verkauf der Riederwaldtribüne, der eine Sanierung aus eigener Kraft ermöglichen sollte, ist gescheitert. Ebenfalls ein "Nein" war die Antwort aus dem Römer auf das Ansinnen der Eintracht, das Riederwald-Stadion bundesligatauglich auszubauen, um dort während des Umbaus des Waldstadions die Heimspiele austragen zu können. Dabei hat Zellekens den Stadtverordneten vorgerechnet, dass mit den Kosten, die man aufbringen muss, um die Arena im Stadtwald während des Umbaus spielfähig zu halten, das Riederwaldstadion hergerichtet werden könne …

Eine Woche nach der Jahreshauptversammlung und der Öffentlichkeitsoffensive von Zellekens lenkt die Stadt teilweise ein. Sie plant, dem Verein ein zinsloses Darlehen über 500.000 Mark bei einer Laufzeit von zehn Jahren zu gewähren. Die Stadtverordnetenversammlung wird auf ihrer nächsten Sitzung am 6. Juli über die Vorlage entscheiden. Die Stadt Frankfurt wird außerdem den Unterhalt der Anlage am Riederwald übernehmen.

Eine weitere erfreuliche Nachricht bringt der Dienstag für Eintracht Frankfurt: Torjäger Bernd Nickel soll mit ziemlicher Sicherheit am 24. Juni im letzten Bundesliga-Heimspiel gegen Hannover 96 eingesetzt werden können. Während Eintracht-Masseur Bär von Anfang an einen Muskelfaserriss vermutete, glaubte seine Frankfurter Kollege Adolf Katzenmeier, es handele sich lediglich um die Ablagerung von Ermüdungsstoffen im Bein – bei den Strapazen durch Nickels Spiele mit der Eintracht, der Juniorennationalelf, der Bundeswehrauswahl sowie der Olympiaamateurmannschaft keine abwegige Diagnose. Nun – nach mehreren Wochen Pause – stellte sich Nickel bei Professor Hess in der Universitätsklinik von Homburg/Saar vor und erhält nach der Abschlussuntersuchung "grünes Licht" für die Wiederaufnahme des Trainings. Eine schöne Nachricht für "Dr. Hammer", der am letzten Samstag in seiner Heimatgemeinde Eisemroth kirchlich getraut wurde. In Vertretung ihres Mannes Erich, des Trainers der Frankfurter Eintracht, gratulierte Ulla Ribbeck dem schussgewaltigen Eintracht-Mittelfeldspieler. Seine Mannschaftskameraden waren verhindert - sie mussten Fußball spielen.

Nach Bernd Nickel hat aber auch Bernd Hölzenbein überraschend das Training wieder aufgenommen und gehört zum Aufgebot für das Spiel am Samstag gegen Hannover 96. Trainer Erich Ribbeck überlegt jetzt, ob er Nickel und Hölzenbein abwechselnd spielen lässt, oder ob Nickel voll durchspielen soll und "Holz" eine Halbzeit lang als Außenverteidiger gegen den Ex-Offenbacher Beichle spielt. Die Entscheidung wird wahrscheinlich erst am Samstagvormittag fallen. Doch so oder so haben sich die Aussichten der Frankfurter Eintracht, Hertha BSC Berlin den fünften Tabellenplatz wieder abzujagen, erheblich gebessert. Und sie werden noch besser …

Zwei Tage vor dem vorletzten Spieltag gibt es ein weiteres Urteil im Manipulationsskandal, der die Bundesliga viel von ihrer Glaubwürdigkeit und ebenso viele Zuschauer gekostet hat. Bis zum 1. Juni hatte der DFB den beschuldigten, aber noch nicht verurteilten Spielern eine Frist gesetzt, um ein Geständnis abzulegen. Während die Kicker von Schalke 04 weiterhin bestreiten, Geld für die Niederlage gegen Arminia Bielefeld genommen zu haben, sind unter anderem die Akteure von Hertha BSC Berlin endlich geständig. Sie werden in einem schriftlichen Verfahren vom Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes zu je zwei Jahren Sperre, Lizenzentzug und je 15.000 Mark Geldstrafe bestraft. Damit bleibt das Sportgericht erheblich unter den Anträgen von DFB-Staatsanwalt Kindermann, der für Groß, Enders, Ferschl, Gayer, Witt, Steffenhagen, Sperlich, Kellner und Brungs, der mittlerweile beim 1. FC Nürnberg unter Vertrag steht, Lizenzentzug, je fünf Jahre Sperre und je 15.000 Mark Geldstrafe gefordert hatte. Die Urteilsauslegung von Herthas Anwalt Horst Sandner mutet so abenteuerlich an, dass man sich fragt, wie es Juristen schaffen, mit unbewegter Miene und unverdächtiger Gesichtsfarbe Dinge zu behaupten, die Normalsterbliche nicht einmal unter dem massiven Einfluss von Alkohol und anderer Drogen über die Lippen bekommen würden: "Das Gericht hat sich offensichtlich meiner Argumentation angeschlossen, wonach das Spiel gegen Arminia Bielefeld nicht manipuliert war." Sandner kündigt außerdem an, sofort in Berufung gehen zu wollen und fordert eine mündliche Verhandlung vor dem Bundesgericht.

Die Hertha ist im Endspurt der Rückrunde personell erheblich geschwächt. Vizepräsident Holst hatte die Spieler vor Saisonbeginn darauf eingeschworen, ihr Wissen über das von ihnen gegen eine Geldzahlung von 250.000 Mark verlorene Spiel gegen die Bielefelder vom Mai 1971 zurückzuhalten. Anfangs waren somit nur die durch Tonbänder von Gregorio Canellas überführten Wild und Patzke zu Sperren verurteilt worden, doch weil die Betrüger dann doch keinen Meineid leisten wollten, hat die Hertha nun insgesamt mehr als ein Dutzend Spieler durch Sperren verloren. Nach ihrem Geständnis hatte der Verein die Spieler zunächst intern gesperrt, aber dann wie Steffenhagen, Gayer und Groß doch wieder eingesetzt. Das ist nach dem Urteil nun nicht mehr möglich. Im Spiel heute gegen die Bielefelder kann die Hertha nur mit einer Notelf antreten, die man mit zwei Junioren und dem 37-jährigen Co-Trainer Hans Eder aufgefüllt hat. Die Eintracht - bis auf die unhaltbaren Vorwürfe des Offenbachers Walter Bechtold gegen seinen ehemaligen Mannschaftskollegen Grabowski selbst nicht in den Manipulationsskandal verwickelt – profitiert gerade zweifellos von dem Versuch der Aufarbeitung, den die DFB-Gerichtsbarkeit – anfangs durchaus widerwillig und zaghaft - in den letzten Monaten unternommen hat.

Trainer Ribbeck hat aufgrund der langen EM-Pause andere Sorgen: "Es ist unheimlich schwer, nach dem Schlendrian der letzten Wochen die Truppe noch einmal aufzumöbeln." Große Veränderungen wird es in der Mannschaft aber nicht geben. Nach monatelanger Verletzungspause kann Ribbeck erstmals auch Jürgen Kalb wieder in der Startelf aufbieten. Parits klagt zwar über leichte Meniskusschmerzen, wird aber ebenso spielen wie Schämer, dessen Fuß schmerzt. Auf der Bank sitzt Bernd Hölzenbein, doch auch der frisch verheiratete Bernd Nickel tritt an, obwohl Ribbeck ihn wegen der ausgeuferten Hochzeitsfeierlichkeiten schonen wollte: "Das war wie in alten Zeiten, drei Tage wurde gefeiert, eine echte Strapaze."

War es in der letzten Saison die Verletztenmisere der Abwehrspieler, die die Eintracht in Abstiegsnot brachte, sind es in dieser Spielzeit die Ausfälle bei den Stürmern. Nickel ist zwar gerade wiedergenesen, aber auch "Grabi" fiel in der Rückrunde mehrmals wochenlang aus. Das Pech von Grabowski war allerdings das Glück des nun verletzten Weidle, der erst durch Grabis Ausfall zeigen durfte, was er kann. "Sonst hätten wir ihn wohl verkauft", bestätigt Trainer Ribbeck. Das kickende Personal aus der zweiten und dritten Reihe unter Wettkampfbedingungen spielen zu sehen, damit er es besser beurteilen kann, ist daher ein Anliegen von Ribbeck, der fordert eine Reserverunde einzuführen. "Die brauchen Spielpraxis", sagt der Trainer mit Blick auf seine junge Garde, die in der nächste Saison auch aus Wienhold, Körbel, Kraus, Krauth, Markert und Schulz bestehen wird.

Allen Verletzungs- und anderen Sorgen zum Trotz: Frankfurt ist in dieser Saison im Waldstadion ungeschlagen, der Gegner Hannover 96 dagegen noch immer ohne Auswärtssieg. Hannover konnte ohnehin nur einmal vom Main beide Punkte mit zurück an die Leine nehmen – am 5. Februar 1966 gewannen die 96er durch ein Tor von Siemensmeyer mit 1:0. Und "die Roten" reisen auch nicht mit ihrer stärksten Vertretung an: Keller, der demnächst für 1860 München auf Torejagd gehen wird, ist ebenso bereits in Urlaub wie Bertl, Berg und Polywka. So stehen in Hannovers letztem Aufgebot mit Blumenthal, Blau, Beichle schlussendlich drei Amateure.

Das Frankfurter Waldstadion befindet sich passenderweise auch nicht in allerbester Verfassung und im Umbruch. Die Tribüne wurde ja bereits abgerissen, ein wüster Erdhaufen präsentiert sich an dieser Stelle. Frankfurts Oberbürgermeister Rudi Arndt legt vor dem Spiel den Grundstein für die neue Haupttribüne und wünscht sich, dass Dr. Kunters Tor nun ebenso gut verschlossen bleiben möge, wie der Zinnkanister mit Dokumenten, der "für die Ewigkeit" im Boden versenkt wurde.

Versenkt wird auch der Ball, und das bereits nach acht Spielminuten. 1:0 für die Eintracht, Torschütze ist ... Jürgen Kalb. Nach einer Flanke von Grabowski köpft er zur Frankfurter Führung ein. Welch ein Comeback für Kalb, nachdem er bereits am letzten Spieltag in München eine gute Viertelstunde mittun durfte.

Hannover sorgt in der Folge mit gelegentlichen Kontern für Gefahr, aber jeden noch so gut gemeinten Schuss der 96er entschärft der sichere Dr. Kunter im Tor der Eintracht. Dr. Kunter hat eine ausgezeichnete Saison gespielt und bestätigt heute noch einmal eindrucksvoll, welch sicherer Rückhalt er für die Hessen ist. Auf der anderen Seite ist es Torhüter Pauly, der mit glänzenden Paraden einen höheren Rückstand der Niedersachsen verhindert. Hervorzuheben ist sicher noch der tapfere Verteidiger Stiller, der Jürgen Grabowski einen großen Kampf liefert.

Andererseits: Schiedsrichter Dr. Siepe hatte seinen überaus großzügigen Tag. Als Siemensmeyer in der 34. Minute im Strafraum eine eindeutige "Schutzhand" macht, unterbleibt der Elfmeterpfiff. Es ist ganz gewiss keine Partie, die die Zuschauer von den Sitzen reißt. Die Akzente setzen jedoch die Gastgeber, die auch dafür sorgen, dass sie nicht ernsthaft in Gefahr geraten. Der einzige wirklich gefährliche Angreifer der Norddeutschen ist Reimann, der seinen Gegenspieler Friedel Lutz mehr als einmal versetzt und den Frankfurter Routinier auf Trab hält. Trinklein steht nicht so sicher wie sonst, dafür haben Rohrbach und der abgeklärte Schämer auf den Außenverteidigerpositionen ihre schwachen Gegenspieler Beichle und Blau sicher im Griff. Gut, dass Keller nicht mittun kann. In der Kombination mit Reimann hätte ein solcher Sturm der Eintrachtabwehr ernsthaftere Probleme bereiten können.

Ein weiteres Tor will nicht fallen, dafür gibt in der Pause eine sogenannte "heitere Einlage", die aus einem Prominentenrennen mit Fahrrädern auf der Aschenbahn besteht. Frankfurts Oberbürgermeister Rudi Arndt hat mit einem Start-Ziel-Sieg die Nase vorn und die Zuschauer werden darauf hingewiesen, dass es sich lohnt, bis nach dem Schlusspfiff auszuharren, weil sodann die Fahrräder, auf denen die Prominenz eben ihre Runden drehte, verlost werden. Nun, wer’s braucht …

Die Hannoveraner lassen sich von diesem für ein Fußballspiel seltsam anmutenden Rahmenprogramm nicht irritieren, verzichten auf den Tee in der Kabine und lassen sich zur Halbzeit malerisch auf dem Rasen nieder. Dem Eintrachttrainer steht in diesen Minuten nicht der Sinn nach harmonischen Bildern. "Wir spielen zu wenig über die Außen", klagt Ribbeck. In der Tat: Die Frankfurter bestimmten das Geschehen fast von der ersten bis zur letzten Minute. Gemessen an ihrer Feldüberlegenheit ist die Torausbeute zu mager.

Es ist jedoch nicht alles Gold, was glänzt und nicht jeder Angreifer ist automatisch auch torgefährlich. Selbst Grabowski hat viel Mühe mit dem schnellen und genau deckenden Routinier Stiller. Dagegen manövriert Thomas Parits immer wieder Anders aus. Parits befreit sich aus allen Zwangslagen und sprengt alle Ketten, die ihm die 96er überstreifen wollen.

Das nächste Tor erzielen aber kein Stürmer, sondern wiederum Kalb. In der 59. Minute verwandelt der sicherste Elfmeterschütze der Eintracht auch seinen sechsten Strafstoß in dieser Saison unhaltbar. Grabowski war auf der 16-Meter-Linie gelegt worden. Das Foulspiel steht außer Frage, doch wo ist es geschehen - im oder außerhalb des Strafraumes? Die Entscheidung des Schiedsrichters ist dieses Mal nicht unumstritten, bei zwei anderen elfmeterreifen Szenen hätte sich wohl kein Widerspruch geregt, doch dort blieb die Pfeife des Unparteiischen stumm.

In der 59. Minute wird unter dem Jubel der Zuschauer auch Bernd Hölzenbein eingewechselt. "Holz" gefällt nicht nur durch sein keckes Spiel, er ist auch deutlich ballsicherer als Heese, der für ihn das Feld räumen musste. Heese war gewohnt tatendurstig aufgetreten, doch sein Spiel blieb so glücklos, als habe ihn eine Hexe mit einem Fluch belegt. Kaum etwas gelang dem blonden Kämpen, jeder Abschluss - ob Kopfball, Schuss oder Vorlage ging ihm daneben.

 


Konca köpft das 3:0

Hölzenbein hat diese Probleme nicht. Als wäre er ein kickender König Midas, veredeln seine Füße jeden Angriff. Seine Läufe schütteln die gegnerische Abwehr durcheinander, und es ist nur eine Frage von Minuten, bis die erste Frucht in die empfangsbereiten Arme fällt. Hölzenbein ist eine Viertelstunde auf dem Platz, als er das dritte Tor für die Eintracht vorbereitet. Seine Flanke netzt Ender Konca, der in der zweiten Hälfte nachgelassen hat, in der 74. Minute per Kopf ein. Konca verrät nicht nur durch seinen Kopfballtreffer, dass er dabei ist, sich zu akklimatisieren.

Die Tore täuschen nicht darüber hinweg, dass im Mittelfeld die größten Schwachstellen und Probleme der Eintracht liegen. Kalbs Deckungsaufgabe gegen Weller ist nicht immer lupenrein, und schließlich übt Nickel sichtlich Zurückhaltung. Er ist weit davon entfernt ein Ausfall zu sein, doch die gewohnte Schaltstation im Mittelfeld ist er heute auch nicht. Dennoch: Kalb trotz zweier Tore, Nickel, Rohrbach, der vom Publikum geforderte Hölzenbein und auch Grabowski haben natürlich den Status von Rekonvaleszenten, so dass die Kritik nachsichtiger ausfallen muss, als es die bloßen Leistungen verdienen.

Bei den Hannoveranern kommen mit dem tüchtigen Thiele sowie Herbeck die Amateure Nummer vier und fünf. Beichle hat vor seiner Auswechslung die Chance auf einen Treffer, hebt aber den Ball über das leere Tor. Herbeck, der für Beichle ins Spiel kommt, macht es etwas besser, aber auch nicht richtig gut, denn er trifft nur den rechten Pfosten.

Der beste Hannoveraner Willi Reimann, den Lutz heute nie richtig in den Griff bekommt, erzielt in der 90. Minute das Tor zum 1:3 aus Sicht der Gäste. Mit lässiger Gebärde hat Nickel den Ball preisgegeben, den Bandura noch einmal Richtung Reimann schickt. Reimann flankt und läuft der eigenen Flanke nach, als ahne er, dass Trinklein tatenlos dem vorbeifliegenden Ball nachschauen würde, und Hölzenbein davon so überrascht sei, dass er ihn in die falsche Richtung stößt, die Richtung, aus der Reimann kommt. Dr. Kunter überlegt nicht lange, wen nun die größere Schuld trifft und schimpft kurzerhand mit beiden.


Parits im Zweikampf
mit Anders

Was Reimann auf Seite der Niedersachsen ist, das ist Thomas Parits bei den Hessen. Der Österreicher präsentiert sich ausgesprochen agil, doch seine Anstrengungen werden im Gegensatz zu Reimann nicht angemessen belohnt. Ausgesprochenes Pech hat Parits, als der von ihm geschossene Ball an die Innenkante des Pfostens geht und wieder ins Feld zurückspringt. Das ist aber nicht schädlich, denn die Eintracht gewinnt die Partie auch so mit 3:1.

"Parits war heute sehr stark", lobt Ribbeck lobt nach der Partie seinen österreichischen Nationalspieler, der bereits im Länderspiel besonders glänzen konnte" Das erfreulichste für den Trainer ist aber: "Die Rekonvaleszenten Nickel und Hölzenbein sind wieder da. Ansonsten? Zwei kämpften bis zum Umfallen: Parits und Anders." Doch nicht alles ist eitel Sonnenschein: "Das Gegentor brauchte ja wirklich nicht mehr zu fallen. Von dieser Sorte haben wir dummerweise in der Saison so zehn Stück bekommen", beschwert sich Ribbeck, der den Sieg nicht schöner reden mag, als er war: "Bei unserem Gegner fehlte viel."

Frankfurts Stadionsprecher Haldy verkündet es nach dem Schlusspfiff stolz: "Mit diesem 3:l-Sieg über Hannover 96 beendet die Eintracht die Saison 71/72 ohne Heimniederlage. So etwas gab es seit Jahren nicht mehr." Tatsächlich bleiben die Riederwälder zum ersten Mal in der Bundesliga eine Saison lang auf eigenem Platz ungeschlagen - nur Köln, Hertha und Braunschweig entführten je einen Punkt. Aber dann zieht Frankfurts Trainer die Bilanz: "Wir haben kein Heimspiel verloren, das ist wichtig. Aber wir haben auch kein Auswärtsspiel gewonnen, das muss sich in der nächsten Spielzeit ändern."

"Ich freue mich über diesen Sieg, denn nun haben wir den fünften Platz wieder, den wir in Duisburg hoffentlich verteidigen können", will Ribbeck nicht zu kritisch daher kommen. Nur der Punktverlust der Hertha auf eigenem Platz gegen den Zwangsabsteiger aus Bielefeld hat die Eintracht dank der besseren Tordifferenz auf den Platz gebracht, der zur UEFA-Cup-Teilnahme berechtigt. Über ein 1:1 kam die Notelf der Berliner nicht hinaus.

Sein Kollege Hipp, der die Hannoveraner als neuer Trainer vor dem Abstieg bewahren und seinen ersten Sieg im ersten Spiel unter seiner Regie gegen die Eintracht feiern konnte, ist dagegen froh, "dass die Saison zu Ende geht, meine Mannschaft hat nichts mehr drauf." Hannover bleibt auf Rang sechzehn, kann jedoch nicht mehr absteigen. "Nach drei Wochen Pause war doch deutlich zu spüren", so Hannovers Trainer Hipp, "dass bei beiden Mannschatten die Luft 'raus ist." Sein Torwart Pauly: "Es wird wirklich Zeit, dass Schluss ist. Heute mussten wir schon vier Amateure einsetzen, um die Ausfälle zu ersetzen."

Die Eintracht kann zwar wahrscheinlich auch mit einer Niederlage in Duisburg den fünften Tabellenplatz halten, denn die skandalgeschädigte Berliner Mannschaft sollte in Bochum kaum um einen doppelten Punktverlust herumkommen. Aber der Gewinn eines Punktes in Duisburg wäre sicherer; er kann bei einer Steigerung durchaus geholt werden. Ganz gleich aber, wie das Finale an der Wedau auch ausfällt - blickt man ein Jahr zurück, dann kann man mit dem Leistungsaufschwung des Frankfurter Bundesligaclubs sehr zufrieden sein. "Ich denke, dass wir nun den UEFA-Cup schaffen", sagt Trainer Erich Ribbeck, der sich später sogar festlegt: "Jetzt bleibt die Eintracht auch Fünfter! Die Teilnahme am UEFA-Cup ist schon eine interessante Sache." (rs)


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