13.08.2007

Saisonauftakt 07/08 - ein einmaliges Erlebnis!?

Hi Fußballfans,

ich missbrauche dieses Forum jetzt einfach mal als Klagemauer, hoffe hier Leser zu finden, obwohl ich meine Erlebnisse dieses Spieltages eigentlich eher mit Übertragungsrechten versehenen Fernsehsendern übersenden sollte, aber die würden das ganz ignorieren oder aber nach diesen Worten bereits das Lesen einstellen. Den allermeisten werden meine Zeilen sowieso nur zu bekannt vorkommen, wahrscheinlich isses schlicht eine 1.000. Wiederholung niedergeschriebener Beschwerden verzweifelter Fußballfans, die nicht dem bajuwarisch limitierten Fandasein frönen. Selbst in 16 weiteren Vereinen dürfte dies zutreffen.

Es ist Samstag, der Samstag: Saisonauftakt. Wochenlanges Spekulieren, Diskutieren, theoretisches Durchspielen aller möglicher Szenarien wird endlich durch Fakten abgelöst. Die Pille rollt, hunderttausende Fans und Interessierte aller Vereine strömen in die Stadien, nutzen erstmals ihre neuen Dauerkarten. Ängstlich, hoffnungsfroh, neugierig und gespannt betritt man die Fußballtempel der Republik, die auserwählten Kneipen, trifft sich mit Freunden oder schaut gar alleine zu Hause Arena, im Internet Live Streams oder sitzt vor dem Live Ticker. So erging es am Samstag in Deutschland weit über einer Million Menschen, so wird es auch die kommenden Wochen und Monate, ja auch die nächsten Jahre ein allwöchentliches Ritual sein.

Jetzt muss ich noch mal kurz zu meiner Person kommen. Ich bin ein 36-jähriger Fußballverrückter, dessen ganze Leidenschaft "meiner" Eintracht gilt. Ich gehe seit frühesten Kindestagen ins Stadion, mittlerweile seit über 30 Jahren und habe mich bisher um "Methadonprogramme" á la Arena & Co nicht geschert. Hatte ich Zeit, war ich im Stadion, wenn nicht, hatte ich ergo keine Zeit. Seit über drei Jahrzehnten verpasste ich so niemals einen Heimauftakt meiner Mannschaft und konnte mir auch nie vorstellen, dass es einmal anders kommen sollte.

Nun ist es so, dass ich aktuell - oder besser - das meine Frau aktuell in "anderen Umständen" ist und in der nun heißen Phase möchte ich doch gerne abrufbereit in der Nähe meiner Frau stehen. Eine Herzensangelegenheit für mich, die noch über meiner ältesten Liebe, der Eintracht, steht. Alternative zum Stadionbesuch? Keine. Was sollte mir hierfür eine Alternative sein? So ganz verpassen wollte ich dieses Auftaktspiel dann aber doch nicht und auch meine Frau schob sanft an, dass ich mir mit Freunden in der örtlichen Sportsbar dieses Spiel ansehe.

Gut, am Dienstag packte ich meine Dauerkarte inklusive Begleitschreiben in einen Umschlag und mit viel Wehmut ging das sorgfältigst verschlossene Kuvert an einen guten Freund, der bedenkenlos und nicht zum ersten Male im Zentrum der Frankfurter "West" meinen Stehplatz einnahm. Weg, sie ist weg, ich bin nicht da, alles sch..... Dann verfolgt man natürlich die Vorfreude der zahlreichen "Leidensgenossen", wer sich wann wo trifft und so weiter und so fort. Eine seltsame Wehmut überkam mich. Viel zu oft wünschte ich viel Spaß, beantwortete brav die Frage, weshalb ich denn nicht kommen würde, und dann, Bumm, der Samstag war da.

Alle Rituale waren irgendwie inhaltslos. Die selbst immer wieder eingeredete Information, dass man via Bezahl-TV alles viel deutlicher mitbekommt, bei der angekündigten Choreo mal nicht unten drunter stehend auf spätere Fernsehbilder vertrauen muss, ein Foul oder nicht, ebenso wie Abseits- und sonstige Entscheidungen direkt per x-facher Zeitlupe aufgeklärt werden, fruchtete nur wenig. Vorfreude und Wehmut hielten sich die Waage. Wie weiter oben angesprochen muss ich mich nochmals als absoluter Pay-TV-Rookie outen, zumindest was Fußball anbelangt. Klar war mir lediglich, dass ab 15:00 ein Kanal Frankfurt vs. Berlin geöffnet und wählbar ist.

Klar, unsere Rosbacher Sportsbar, die immer nur die SGE (so sie denn spielt) in voller Länge überträgt, war mir ja von meinen Freunden bestens bekannt, also erwartete ich ab 15:00 Bilder und Impressionen akustisch untermalt aus Frankfurt. Wie ein kleines Kind, gespannt, leicht nervend, vergewisserte ich mich um 14:45 bereits bei der Wirtin, dass man auch ja pünktlich den richtigen Kanal wählen würde und einen Freund fragte ich dann gleich noch mal, ob denn wirklich ab drei die Eintracht gezeigt werde. „Hä?“ kam zurück. „Die springen von Stadion zu Stadion und erst kurz vor dem Anpfiff wird das Ausgewählte exklusiv gezeigt.“ Erste Schweißausbrüche: Verdammt, du verpasst die Choreo, du verpasst im Herzen von Europa, du bekommst hier Magerkost zum Premiumpreis. Die Vorfreude auf 30 Minuten Einstimmung war dahin, abgelöst von den Bedenken, ein knappes Minütchen Eintracht zu sehen, bevor es losgeht.

Punkt 15 Uhr. Lothar „ich-trat-Grabi-kaputt" Matthäus wird mir serviert und referiert über die Bayern. Lediglich ein Stromausfall hätte mich noch mehr begeistert - Mist. Jetzt bin ich in Mathe nie die große Leuchte gewesen, aber bei 18 Mannschaften gibt es neun Paarungen, zwei am Sonntag und eine am Freitag fallen weg, bleiben sechs über, sprich 12 Mannschaften im Preview, macht so runde 2,5 Minuten pro Team. Fünf nach drei, Bayern, Lothar, Rigatoni, Hoeneß, die volle Ladung. 15:10, Bayern, Lothar, Hitzfeld usw. Krass. Mir vergeht die Laune so langsam aber sicher richtig. Dann haben sie bei den Pay-TVlern anscheinend ein Einsehen und sind nach knappen 15 Minuten Bayern bereit auch dem Rest der 11 Mannschaften ein paar Sekündchen zu widmen - großmütig, denn schließlich zahlen ja nur die Bayern Geld, der Rest bekommt ja alles gratis oder wie war das noch. Ich bin jedenfalls lange schon weg vom Gleichgewicht zwischen Vorfreude und Wehmut. Zorn, Bedenken, Wehmut, aber auch noch einen Schuss Vorfreude trage ich nun in mir.

Dann endlich wird ins Frankfurter Waldstadion (ja, ja, das hat auch noch so `nen anderen Namen) geschaltet. Zu meiner großen Erleichterung sehe ich tatsächlich Bilder von der Choreographie, nicht minutenlang und so ausgedehnt wie gewünscht, aber sie flimmern deutlich erkennbar und prächtig anmutend über den riesengroßen TV-Schirm. Mal wieder Kompliment an die Initiatoren. Ansonsten allerdings ist der Gastgeber dem Sender anscheinend nahezu gleichgültig, denn die Hauptrolle spielen der Schweizer Neutrainer von Hertha und seine verbliebenen Schäflein. Natürlich wird nicht vergessen zu erwähnen, wer denn nun alles die Berliner Fußballtruppe verlassen hat. Ich bin quasi dankbar, dass man sich erbarmt hat, die Aufstellung der Frankfurter Eintracht auch noch am Rande zu erwähnen. Die Schnauze hatte ich zu diesem Zeitpunkt dann auch schon fast voll. Das soll die vielgepriesene Fannähe und Individualität des Bezahlsenders sein? Diese verbajuwarischte Konserve, stimmungstot und fanfremd? Meine Güte, was hätte ich nicht alles zu berichten gewusst, wenn nach langer Sommerpause die Saison anfängt, aber jetzt bekomme ich hier `ne Bayern-Aufklärung und im Eintracht-vs.-Hertha-Kanal `ne Info über meinen Lieblingsverein á la Videotext. Armselig, enttäuschend, ja, ich war echt richtig zornig.

Zum Dank bekomme ich als besonderes Bonbon dann zum Anpfiff im "werbefreien TV" noch ne T-Com, Mobile oder sonstwas-Werbung präsentiert, neben all den T-sonstwas in der fast 15-minütigen Hommage an den Klassenprimus.

Über die Bewertung des Spieles lasse ich mich hier an dieser Stelle nicht groß aus. Selig bin ich über die 3 Punkte, gefreut habe ich mich über Amas Siegtreffer, die Erkenntnis zog ein, dass viel Verbesserungsspielraum in der Mannschaft herrscht und auch nötig ist, aber immerhin hätten wir die vergangenen Jahre in diesem Spiel einen oder keinen Punkt geholt, somit konnte ich recht gut mit diesem 1:0 leben.

Direkt nach dem Schlusspfiff beamt sich der Sender an die Torauslinie in - ja, wo wohl? - natürlich, in die Allianz Arena ...

Das soll dann Fußball sein, der ein Fanherz höher schlagen lässt? Sorry, es war für mich eine einzige Enttäuschung. Dieser Sender interessiert sich keinen Deut für meine Mannschaft, er interessiert sich somit für mich keinen Deut mehr. Er will lediglich meine Kohle mit tollen Werbespots ergaunern; er will die ultimativ ausschließlichen Rechte zur Übertragung und was er mir dafür bietet, ist für einen echten Fan eine Zumutung - so er denn Fan einer Mannschaft ist, die nicht den Namen des deutschen Rekordmeisters trägt. Ich freute mich auf 90 Minuten Eintracht, mit Vor- und Nachberichterstattung, mit stimmungsvollen Bildern und Originalkommentaren, auch in der Halbzeit.

Meine Fresse war ich naiv.

Abgerundet wurde dieser "herrliche" Saisonauftakt natürlich von der Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen. Für die bezahlen wir ja bekanntlich alle. Zum Dank bekommen wir dann eine Konserve, die derart penetrant bayernlastig ist, dass man sich nicht wundern muss, auch hier nur ganz am Rande aus dem Waldstadion Bilder gezeigt zu bekommen. Bilder der Choreographie - Fehlanzeige. Ausgewogenes Verhältnis von Sendezeit Heim-Gastmannschaft - Fehlanzeige. Bilder aus der Fankurve – klar, Totenstille aus dem Gästeblock mehrfach, einmal Torjubel und zwei, drei kurze Schwenker in die Heimkurve, das muss langen.

Zusammenfassend muss ich all jene Menschen in Deutschland bedauern, die aus all den verschiedensten Gründen nicht in der Lage sind, Bundesligafußball live im Stadion zu erleben. Die Berichterstattung ist unglaublich weit von dem weg, was tatsächlich im Stadion passiert.

Ob es nun daran liegt, dass sich die Fernsehsender nicht im entferntesten für andere Mannschaften wie den FC irgendwas interessieren, ob die verantwortlichen Mitarbeiter schlicht vollkommen inkompetent, oder desinteressiert sind, das weiß ich nicht zu werten.

Was ich allerdings weiß, ist, dass es keine Alternative zu einem Stadionbesuch gibt, dass es die aktuelle Berichterstattung nicht wert ist, finanziell unterstützt zu werden. Es sollte jedem Sender ein Leichtes sein, tatsächlich dem Kunden ein Wahlrecht zu geben, ob er über seinen Verein oder den FC irgendwas informiert werden möchte. Man kann tatsächlich 10 Minuten vor Spielbeginn Bilder aus den einzelnen Arenen nach Wahl übertragen, man kann die Mikrofone mal in den Fanblock halten und ein bisschen Support in die Wohnzimmer tragen. Man kann Interviews der Heim- & Gastmannschaft vor, in der Halbzeit und nach dem Spiel einfangen. Man benötigt hierfür einen Reporter mit Mikrofon und einen Kameramann. Beide sollten Beine haben und ein bisschen Interesse daran, für Geld auch ein bisschen durch das Stadion zu marschieren. Sie sollten selbst Begeisterung zeigen und die der Menschen im Stadion einfangen können.

Ich hoffe, dass vielleicht doch mal einer dieser Herren, welche für die Fußballberichterstattung verantwortlich zeichnen, ihr Herz all den Fans öffnet, die auf deren Arbeit angewiesen sind. Ich hoffe, diese Herren nehmen die fortwährende Flut an Beschwerden über einseitige Berichterstattung irgendwann mal ernst oder aber sie sollen mit Ihren Sendern vor die Hunde gehen. Die Macht des Monopols ist jedenfalls augenscheinlich der falsche Weg. Ich hoffe, dass die Medienwelt unter den Druck gesetzt wird, der notwendig ist, um die Sehnsucht nach Fußball in ganz Deutschland zu stillen. Quer durch alle Vereine wird es Zeit, endlich mal etwas in diese Richtung zu unternehmen, denn schließlich zahlt wohl kein Duisburger mehr wie ein Bayer, aber er bekommt nur einen Bruchteil dessen, was ein Bayer bekommt.

Ich wünsche allen Fußballfans eine tolle Saison 2007/2008, die Möglichkeit häufig einen Stadionbesuch zu unternehmen und eine sich bessernde Berichterstattung. Ich jedenfalls blicke voller Vorfreude auf die kommenden Wochen, die mir das größte Geschenk des Lebens geben werden, und wenn dann noch ein bisschen Zeit übrig sein sollte für meine älteste Liebe, dann werde ich diese ausschließlich weiter im Stadion genießen, denn dort bekomme ich das, wonach es mein Fußballherz dürstet: Fußball und Eintracht wie er/sie wirklich ist.

Herzlichst,
einer von Euch

'lt.commander' ist Arndt Kolk aus Rosbach v.d.H. und in der glücklichen Lage, sogar den Geburtstag seiner Liebe zur Eintracht zu kennen: den 17.09.1974 mit dem 3:0 gegen AS Monaco.

 

 

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