25.03.2007

Wir Fans in den 70ern - der gute, alte G-Block

Ich habe mal versucht zusammen zu schreiben, was damals im G-Block so alles passiert ist. Ich bin aber kein guter Schreiber, trotzdem habe ich mich mal versucht, denn einige interessiert es ja doch, was damals so los war.

Ja, früher war alles besser, behaupten manche, aber soviel anders war es teilweise gar nicht. Damals gab es noch das alte Waldstadion, welches Anfang der 70er einen Umbau für die WM 1974 erlebte, damals supportete man vom G-Block aus, von dort kam die Stimmung. Damals wurde der Grundstein für die heutige Fankultur gelegt, damals erkämpfte man sich die Freiräume beim Fußball, die man heute immer weiter einzuschränken versucht.

Was aber passierte genau im G-Block? Es gab noch keinen Anheizer mit Megaphon, die wenigen Lieder und Schlachtrufe stimmten meist einzelne Fanclubs oder Leute mit lauter Stimme an, der Rest machte dann einfach mit. Manchmal konnte es passieren, dass aus mehreren Ecken verschiedene Sachen angestimmt wurden, da setzte sich dann meist die Gruppe durch, die am lautesten war. Die Stimmung war damals aber auch sehr gut, kam aber leider im Stadion nie gut rüber, da die Kurve zum einen nicht überdacht war und auch die weite Entfernung zum Spielfeld ihr übriges tat. Was es damals noch nicht so gab wie heute: Es wurden keine kompletten Lieder gesungen, es waren meist mehr Schlachtrufe. Teilweise waren die sehr derbe und heute würde man bestimmte Rufe nicht mehr tätigen, da sie manchmal Anspielungen auf Sachen aus dem Dritten Reich enthielten, wie der Spruch „Gib Gas......“, der gegen die Kackers ging. Sprüche solcher Art kennen wir heute nur noch von den Derbys und da kommen sie von den Kackersfans.

Es entstanden die ersten Fanclubs, einige bestimmten das Bild des G-Blocks, wie z.B. die größeren Fanclubs Sossenheim, Nied, United, Black&White oder der Rote Club. Dann gab es zahllose Stadtteilgruppen die sich noch namenlos im G-Block tummelten. Die größeren Fanclubs bestimmten auch teilweise, was im G-Block gemacht oder unterlassen wurde, das konnte dann schon mal zu kleineren Reibereien führen.

Damals fing auch die Zeit der Kutten an, das lief gleichzeitig mit dem Auftauchen der ersten Rocker in Deutschland. Man schaute sich das dort ein wenig ab. Man wollte auch etwas härter wirken und gleichzeitig seine Liebe zum Verein ausdrücken und zog sich beim Fußball eine Kutte an. Das war damals allerdings noch anders als heute, heute sind Kutten nicht mehr so verbreitet.

Was war eine Kutte? Das war meist eine Jeansweste mit einem großen Aufnäher auf dem Rücken und vielen kleinen Aufnähern und manchmal ein paar Nieten oder Fransen außen rum. Viele der normalen Zuschauer und auch die Eltern daheim hatten dafür wenig Verständnis. Sie betitelten uns als Asis, Halbstarke oder wüste Schläger. Es gab sprichwörtlich einen Graben zwischen G-Block und den Tribünenhockern. Sicher gab es auch den einen oder anderen, der einer Schlägerei nicht aus dem Wege ging, aber das galt natürlich nicht für alle; es war die Minderheit im G-Block. So bildete der G-Block einen bunten Haufen der verschiedensten Fans, nur Spießer mieden diesen Block. Es gab auch noch den Kutten-, Fahnen- oder Schaldiebstahl: Man zog dem gegnerischen Fan diese Fanutensilien aus und nahm es als Trophäe mit nach Hause oder verbrannte es während des Spiels im G-Block, was allerdings von der Polizei nicht so gerne gesehen wurde.

Es gab damals auch sehr große Fahnen, so wie heute. Allerdings waren die aus schwerem Stoff und die Fahnenstangen bestanden oft aus massiven Eisenrohren, die zusammen geschraubt wurden. Weil es auch mal passierte, das es Auseinandersetzungen gab und dabei diese Fahnenstangen zum Einsatz kamen, wurden die Großfahnen nach schweren Ausschreitungen vor der Haupttribüne bei dem Spiel gegen Hertha BSC in der Saison 1976/77 im Stadion verboten. Da damals aber die Kontrollen im Stadion noch nicht so gut waren, wurden die Fahnen über den Zaun gereicht und dann in den Block gebracht. Waren sie erst mal drinnen, holte sie auch keiner mehr raus - damals neigte die Polizei noch nicht dazu, sinnlos den Block zu stürmen. Nach erneuten Ausschreitungen vor der Haupttribüne in der Saison 1980/81 beim Spiel gegen Hamburg griff man dann härter durch und man bekam die Großfahnen nicht mehr ins Stadion. Heute braucht man für größere Fahnen einen Fahnenpass.

Es gab auch schon so was wie Pyro, welche auch damals schon - bis auf die Wunderkerzen - verboten war. Es wurden Wunderkerzen angezündet, Kracher und Heuler gezündet und Leuchtkugeln in die Luft geschossen. Leider gab es immer wieder Leute, die meinten, die Wunderkerzen oder Kracher nach unten schmeißen zu müssen und diese trafen nicht selten andere auf den Jacken, die dort Löcher hinein brannten. Das gab dann manches Mal böses Blut und es wurden einige Leute, manchmal rüde, zurecht gewiesen.

Irgendwann Mitte/Ende der 70er begann dann die Polizei den Block zu überwachen, was einigen überhaupt nicht gefiel. Allerdings kann man die Überwachung von damals - im Vergleich mit dem, was heute passiert - als lächerlich bezeichnen, aber damals wurden die Anfänge gemacht. Oben im G-Block baute die Polizei ein Podest auf, um den Block besser überblicken zu können, und unten auf der Laufbahn postierten sich zwei Beamte mit einer Videokamera und einem Fotoapparat. Das führte dann auch zu den ersten kleinen Protesten, die sich in diversen Protestrufen äußerten, wie „Samstags frei für die Polizei“, „Wir wollen keine Bullenschw....“ oder es wurde das Liedchen „Fahr´ mit im giftgrünen Bullenbus“ gesungen.

Es gab auch Aktionen - heute würde man das eine Art Choreo nennen - da wurden Spruchbänder angebracht, teils aus Protest, aber auch wenn etwas anstand, wie z.B. der UEFA-Cup-Sieg, als schon vor dem Spiel ein großes Spruchbanner „Eintracht Frankfurt UEFA-Cup Sieger 1980“ angebracht wurde, welches unten am Zaun über die ganze Kurve reichte.

Auch kam nach der WM 1978 in Argentinien das Schnipselschmeißen auf. Da kamen die Leute zu jedem Spiel müllsäckeweise mit Schnipseln ins Stadion die dann beim Einlauf der Mannschaften hochgeschmissen wurden. Das ergab immer ein tolles Bild des G-Blockes und nirgends in Deutschland wurde das so intensiv betrieben wie in Frankfurt. Mich würde mal interessieren, wie viel Kilo Müll die bei jedem Spiel aus dem G-Block gekehrt haben. Es gab damals auch Aktionen, die heute unvorstellbar sind. So rannten vor dem Spiel ein paar Fans mit einer Fahne auf den Platz, legten die Fahne in den Innenkreis des Anstoßpunktes, gingen außen rum auf die Knie und beteten die Fahne an, in dem man sich mit dem Oberkörper in Richtung Fahne nach unten beugte und die Arme dabei ausgestreckt hatte.

Auch heute unvorstellbar: Eine Zeit lang wurde es auch gerne gemacht, dass Leute über den Zaun stiegen, unter dem Gejohle des G-Blocks quer über das Spielfeld liefen und woanders wieder über den Zaun in die Blöcke entwischten. Da die Ordner oft älteren Semesters waren, kamen diese nicht hinterher. Aber auch wenn jemand mal erwischt wurde, passierte ihm nicht viel. Es gab auch schon mal Protestaktionen, bei denen der G-Block komplett leer blieb und dort nur ein paar Spruchbänder hingen, dadurch war dann keinerlei Stimmung im Stadion. Aber das war äußerst selten.

Ich habe bestimmt was vergessen, aber das können ja andere ergänzen die sich noch an die eine oder andere Begebenheit erinnern. Ich hoffe, dass die Fans, die das nicht kennen gelernt haben, jetzt ein bisschen Bescheid wissen, was damals so los war.

Zu empfehlen ist auch dieses Buch, das die Fanszene der 70er und 80er beschreibt. Das Buch gibt es leider nicht mehr im Handel, aber mit etwas Glück kann man es über eBay oder Amazon erwerben:
http://eintracht-archiv.de/buecher/fans-kurve.html


Der Autor „propain“ ist Guido aus Rüsselsheim.


 

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