Charles Chabout-Mollard

*28.12.1891 · †1981

Vor 1911 Frankfurter Kickers, 1911/12 FFV, 1912 zum französischen Militärdienst einberufen.

Meisterschaft
Süddeutsche
Meisterschaft
DM-Endrunde
1910/11
16
-
-
-
-
-
1911/12
20
-
5
-
-
-
Gesamt
36
-
5
-
-
-

 

Recherche von Andreas Eder/Uli Matheja:

Charles Chaboud-Mollard

Im Eintracht-Heft Nr. 1/2 des Jahres 1965 erscheint auf Seite 10 eine kleine Notiz: „Den alten Eintrachtmitgliedern, die ehemals zum Frankfurter Fußballverein gehörten, ist unser ehemaliger Torwart Chaboud-Mollard sicherlich noch in bester Erinnerung. Wir sind durch das Eintracht-Heft nach wie vor mit ihm verbunden. Er ist jetzt 74 Jahre alt, wohnt in Rumilly (Haute-Savoie) und erinnert sich immer noch der schönen Jugendjahre in Frankfurt. Wenn einer unserer alten Mitglieder einmal in die Genfer Gegend kommt, so wäre er glücklich besucht zu werden. Rumilly liegt in Frankreich, nur etwa 50 km von Genf entfernt.“

Charles Chaboud-Mollard ist der Torhüter der Spielzeiten 1910/11 und 1911/12; er spielt damit schon vor der Fusion bei den „Frankfurter Kickers“ und ist Stammtorhüter der 1. Mannschaft; bei diversen Gelegenheiten steht er auch bei der 2. Mannschaft zwischen den Goalpfosten.

In der Vereinszeitung werden seine Leistungen oftmals hervorgehoben; bei einem Auswärtsspiel in Ludwigshafen entschärft er im August 1910 „ energische Angriffe der gegnerischen Stürmer, die kritische Situationen vor unserem Tor hervorrufen“, im Dezember meistert er gefährliche Vorstösse der Bockenheimer Fussballvereinigung, „deren Schüsse in den Händen unseres Torwächters enden“, schließlich kommt es zu einem „Elfmeterstoss, den unser Cerberus gut abwehrt“. Der junge Franzose wird für seine Reaktionsschnelligkeit und seine Einsatzbereitschaft geschätzt, wenn er sich mutig anstürmenden Gegners entgegen wirft, Bälle aus der Gefahrenzone boxt und sich auch im Gedränge von Angreifern nicht zur Seite rempeln lässt und dennoch „den Ball sicher aufnimmt“.

Natürlich wird ein Torhüter auch einmal kritisiert; anlässlich einer Niederlage bei V.F.B. Union Mannheim heißt es im April 1911: „…der gewiss nicht gute linke Außenstürmer kann infolgedessen durchbrechen und auf eigene Faust ein Tor erzielen, das haltbar war, aber Charbout war gewiss von den anderen angesteckt…“. Diese lautmalrische, aber falsche und verkürzte Schreibweise seines Nachnamens,
findet sich häufig in Spielberichten.

Zum Zeitpunkt seiner ersten bestätigten Spieleinsätze für die Frankfurter Kickers ist Charles Chaboud-Mollard 18 Jahre alt; er spielt in der Nordkreisliga und wird in der nächsten Spielzeit 1911/12 mit seinem Mannschaftskameraden nach der Fusion der Kickers mit der Victoria im Frankfurter Fussball-Verein die Meisterschaft im Nordkreis erringen.

Wenige Wochen später, nach dem Trubel um die Teilnahme an der Endrunde zur Süddeutschen Meisterschaft, ist dann aber im Sommer 1912 schon wieder die Zeit des Abschieds gekommen: „ Die letzte Monatsversammlung am 7. Juni verlief in schöner Weise, war sie doch gleichzeitig eine Abschiedsfeier für unseren lieben Chaboud. Die Dienste, die dieser unserem Verein als Torwächter der ersten Mannschaft geleistet hat, sind zu bekannt, um an dieser Stelle nochmals hervorgehoben zu werden. Auch als Mensch hat er sich im Verein grosse Beliebtheit erworben, sodass es nicht Wunder zu nehmen braucht, dass der Stadtgarten dicht besetzt war. Die Feier verlief in schöner harmonischer Weise, wie sich lange kein Abend noch abgewickelt hatte und es war spät, sehr spät als die Letzten den Stadtgarten verliessen. Am Sonntag Abend fuhr dann unser Chaboud von Frankfurt weg, ungefähr 40 Leute waren an der Bahn erschienen und kräftig brauste der Abschiedsgruss, ein dreifaches Hipp, Hipp Hurrah, durch die weite Bahnhofshalle…“.

Der Lebensweg von Charles Chaboud-Mollard beginnt in der Gemeinde Nontron in der Dordogne, einem kleinen Ort in Zentralfrankreich, etwa 150 Km nordöstlich von Bordeaux. Nach dem Eintrag im Geburtsregister wird er am 28.12.1891 um 11.00 Uhr geboren, im Haus der Eltern am Boulevard Gambetta Nr. 3. Vater Henri ist 27 Jahre alt und Gendarm in Mareiul-sur-Belle, dem Nachbarort, von wo er sich auch seine Braut geholt hat: Claudine Antoinette Girod ebenfalls im Alter von 27 Jahren; Zeugen für die Richtigkeit des Geburtseintrags sind Joseph und Etienne, zwei Berufskollegen des stolzen Vaters.

Der junge Chaboud-Mollard scheint 1910 im Zusammenhang mit der Berufsausbildung nach Frankfurt gekommen zu sein und dort zur Untermiete zu wohnen; letzte Sicherheit gibt es hierüber wegen der mangelnden Aufzeichnungen nicht. Nach den beiden stürmischen Fussballjahren ist dafür aber genau bekannt, warum er Frankfurt schließlich wieder verlassen muss: Er verabschiedete sich 1912 vom F.F.V., da er zum französischen Militärdienst eingezogen wird; im Herbst 1912 meldete er in der Vereinszeitung den alten Mannschaftskameraden seine neue Adresse: „Charles Chaboud-Mollard, 2e groupe d`artillerie de campagne d´afrique, 3e batterie, Quartier K à Oran (Algérie)“.

Er hatte also einen weiten Weg anzutreten und war in Nordafrika gelandet; dort diente er in der Kolonialarmee. Nach Algerien und Tunesien war 1911 gerade erst auch Marokko zum französischen Protektorat geworden. An seinem algerischen Standort – welcher später durch den Roman des Nobelpreisträgers Albert Camus „Die Pest“ in die Weltliteratur eingehen sollte - spielt Chaboud-Mollard in seiner Freizeit weiter Fussball; in der französischen Sportzeitung „Le „Petit Oranais“ Sportif“ wird er mehrfach Ende 1912 und Beginn 1913 namentlich genannt.

Er spielt dort im „Championat d´Afrique du Nord de football“ des Sportverbandes U.S.F.S.A. (Union des sociétés françaises de sports athlétiques) bei dem „Gallia Club Oran“ (aufgelöst 1962). Natürlich stand er dort ebenfalls im Tor und wurde gelobt als „spécialiste sur la matière“ (Meister seines Fachs).

Zum Kriegsbeginn am 01.August 1914 wird seine Einheit sofort in die Heimat zurückbeordert und unverzüglich an der Front in Nordfrankreich eingesetzt: „ Le 2° Groupe d’Artillerie d’Afrique“ kämpft dort im August und September 1914 in zwei größeren Gefechten, der „Bataille de Charleroi (Belgique)“ und der „Bataille de Guise“. Den Unterlagen des Internationalen Roten Kreuzes ist zu entnehmen, dass der Sergeant Charles Chaboud-Mollard am 24. August 1914 bei Bertrix in Belgien in deutsche Kriegsgefangenschaft gerät; er hat einen Schuss in die Brust erhalten, seine Lunge ist verletzt.

An den gleichen Gefechten haben in deutschen Regimentern auch frühere Mannschaftskameraden teilgenommen, so zum Beispiel Alois Braun und Hans Koltze: Alois Braun spielte wie Chaboud-Mollard auch bereits bei den Frankfurter Kickers. Braun stand in der Läuferreihe, nach der Fusion dann auch beim Frankfurter Fußball-Verein. Nachgewiesen sind mindestens 20 Ligaspiele und 12 Spiele um die Süddeutsche Meisterschaft.

Als Alois Braun im März 1912 zum Militärdienst eingezogen wurde, organisierte er sogar noch ein Freundschaftsspiel zwischen den Soldaten seiner Kompanie und der 2.Mannschaft des F.F.V. Im Krieg kämpfte er als Kriegsfreiwilliger im 1. Kurhessischen Infanterie-Regiment (81er). Am 22. August 1914 fand die Schlacht bei Bertrix (Belgien, 20 km vor Sedan) statt, hier erlitt Alois Braun eine schwere Verletzung. Über seinen Tod wurden die Mitglieder im Feldpostbrief vom 8. Dezember 1914 informiert: „Alois Braun war schwer verwundet und ist dann an der Verwundung, nachdem man ihm das Bein amputiert hatte, in Bonn gestorben". Alois Braun starb mit nur 21 Jahren am 24.Oktober 1914 in einem Lazarett.

Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof findet man das Grab von Alois Wilhelm Braun, geboren am 27. Juli 1893, in Gewann VII, Reihe B, Grab 15. Auch der Unteroffizier der Reserve, IR Nr. 81, II. Bataillon, 5. Kompagnie, Hans Koltze war Mitglied des Frankfurter Fußball-Vereins und wohnte noch in der elterlichen Wohnung in der Elkenbachstraße. In den „Gefechten vom 22. bis 28. August 1914 um Bertrix, Raucourt, Orgeo u.a.“ wurde er im Alter von 25 Jahren getötet. Hans Koltze starb am 22. August 1914, sein Grab befindet sich in der Kriegsgräberstätte Vladslo (Belgien), Block 9, Grab 1424.

Charles Chaboud-Mollard hatte das Glück, seine Verletzung in der Gefangenschaft in einem Lazarett in Gotha auskurieren zu können. 1916 findet sich sein Name dann in Listen eines Gefangenenlager in Langensalza, noch immer in Thüringen, etwa 20 Kilometer weiter nördlich. Im Mai 1917 wird er dann weiter Richtung Osten verlegt, befindet sich in einem Lager bei Posen in „Skalmierschütz“ = Skalmierzyce. Das Kriegsende und damit auch das Ende seiner Gefangenschaft erlebt er schließlich 1918 in einem Lager in Gardelegen (Altmark, nördlich Magdeburg).

Bei der Rückkehr nach Frankreich 1918 kann Charles Chaboud-Mollard nun daran gehen, sich eine Existenz aufzubauen; dies gelingt ihm, er heiratet 1928 und im November 1928 ist er erneut Gegenstand eines Berichts in der Vereinszeitung – nun in der von Eintracht Frankfurt:

„Als ich das Lokal des „Alten Deutschen“ betrat, wusste ich im ersten Augenblick nicht, worüber ich mich am meisten freuen sollte. „Charley“ wieder zu sehen oder über die stattliche Anzahl älterer Mitglieder, die anwesend waren. U.a. sah ich drei Gründungsmitglieder der „Frankfurter Kickers“: Theo Streit, Hermann Hößbacher und Carl Trapp. Chaboud Mollard hatte sich fast nicht verändert; er sah noch genau so aus, wie ich ihn 1912 verlassen hatte. Seine ebenfalls anwesende junge Gattin war des Lobes voll über die gute Aufnahme seitens seiner ehemaligen Vereinskameraden. „Charley“ ist Besitzer eines Hotels in Savoyen.

Es war ein recht vergnügter Abend. Alte Erinnerungen wurden aufgefrischt. Ein besonders heiteres Erlebnis von „Charley“ will ich der Mitgliedschaft nicht vorenthalten: Den älteren Mitgliedern ist bekannt, daß „Chaboud“ während des Krieges in Langensalza in deutscher Kriegsgefangenschaft war. Beim Eintritt in das Lager traf er einen Landsturmmann vom Regiment 81; diesen fragte er in deutscher Sprache, ob noch mehrere „Einundachtziger“ im Lager seien. Der Landsturmmann betrachtete „Chaboud“ vedutzt von oben bis unten und rief: „Mensch, du bist doch dort vom Fußball-Verein; ich kenn´ dich, wie kommst du nur in die Franzosen-Uniform?“

Der Abend verlief weiter sehr angeregt; es wurden nach langen Jahren wieder einige „Kickersstunden“ nach „Stadtgartenart“ verlebt. Zum Abschied erhielt „Charley“ ein von Theo Streit dediziertes „Kickers-Fähnchen“, das Arthur Cahn unter freundlichen Worten überreichte. Beim Auseinandergehen hatte jeder den Wunsch, daß die Zusammenkunft der Alten mindestens einmal im Monat stattfinden sollte.“

Charles Chaboud-Mollard blieb seinem Verein verbunden, bis in die 1960´er Jahre schrieb er gelegentlich nach Frankfurt und wurde auch im Vereinsmagazin genannt. Er verstarb 1981 im Alter von 89 Jahren und wurde im Familiengrab in Rumilly bei seinen Eltern bestattet.





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