Red Star Olympique Paris - Eintracht Frankfurt

Freundschaftsspiel 1925/26

1:5 (0:3)

 

Termin: 30.05.1926
Zuschauer: 4.500
Schiedsrichter:
Tore: Walter Dietrich, Karl Döpfer, Willi Pfeiffer (2), Friedrich Weber

 

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 Red Star Olympique Paris Eintracht Frankfurt

 


 

Trainer
Spielertrainer

 

Eintracht Frankfurt in Paris

Zum 5:1-Sieg über „Red Star".

Wenn es Hirsebrei regnet, hat nur ein Tolpatsch keinen Löffel. Ich bin ein Tolpatsch, ich sehe es endlich ein. Eintracht war in Paris, und — je n'y étais pas! Der Liebe Gott hatte sich diesmal sichtlich nicht der Schwachen angenommen, sonst hätte er mir noch am Sonnabend vormittag zu einem Paß mit Visum verholfen. Ich wäre zwar als mehr als vierundzwanzigstündiger Nachzügler und ganz allein durch die 7,3 m breite und 2,4 m hohe Auslaßpforte des prunkhaften Gare de l'Est geströmt, aber — da der „Kicker" für Pariser Quellenberichte Schwerarbeiterzulage honoriert — hätte ich zwei oder drei Tage länger an Ort und Stelle den Bädecker auf die Richtigkeit seiner Angaben nachprüfen können. Aber ich bin ein Tolpatsch und — je n'y étais pas! Und wie gut hätte ich dabei mein Französisch an den Mann (oder gar an Madame) bringen können! Seit ich 1916, also in einem der Jahre des Unheils, zum letzten Male im Lehnstuhle meines Barbiers von Mezières-Charleville gesessen, habe ich mir nicht mehr bestätigen lassen können, daß man pronociation bien correcte ist. „Es ist zum Haareraufen!" sagt Simon Rosenberger, wenngleich er es nicht tut. (Mangels Masse! Der Setzerknabe.) Also Ich bin nicht mitgewesen, und so bin ich denn (richtiger gesagt: meine Leser sind ...) auf die Berichte derjenigen angewiesen, die... Löffel hatten, als es Hirsebrei regnete. Diese Berichte sind zuverlässig, unbedingt zuverlässig. Wes Herz voll ist, des Mund strömet über. Die Reise der Eintracht nach Paris war ein voller Erfolg in jeder Hinsicht, also wurde der Erzählungen kein Ende.

Hören wir! Der Pariser Ostbahnhof ist die denkbar bedenklichste Visitenkarte, die die berühmte Seinestadt allen aus der Richtung Deutschland und den umliegenden Bierdörfern kommenden Besucher In die Hand bezw. in die Augen drücken kann. Er macht einen mehr als provinzmäßigen Eindruck, aber der Pariser kümmert sich nicht um solche Nebensächlichkeiten. Er weiß, daß der Ankömmling nicht lange am Gare de l'Est verweilen, daß er in die Stadt eindringen und geblendet sein wird durch die Pracht, den Luxus, die Ueppigkeit und Eleganz, die noch auf keinen Fremden ihren Eindruck verfehlt haben. Das genügt ihm. Frankfurt hat seinen einstmals so schäbigen Ostbahnhof durch einen wirkungsvollen Bau in rotem Sandstein ersetzt, der Pariser Ostbahnhof wird noch Generationen überdauern. Auch Berlin kann mit seinem Schlesischen Bahnhof nicht viel Ehre einlegen, und wenn man Warschau in der Richtung nach Brest-Litowsk verläßt, besinnt man sich, daß in den ersten Warschauer Salons an zierlichen Füßchen Schuhe aus Goldbrokat mit schiefgetretenem Absatze und darunter Seidenstrümpfe mit faustgroßen Löchern getragen werden. Alles muß seine Ordnung haben, sogar die Unordnung.

Die Leute des Red Star Paris kennen außerhalb des Sportplatzes jene zuvorkommende Aufmerksamkeit nicht, mit denen die deutschen Fußballvereine ihre auswärtigen Gegner auf Schritt und Tritt betreuen. Die Frankfurter Eintracht hat In dieser Hinsicht immer den Vogel abgeschossen, und so wirkte das Fehlen der Red Stars besonders ernüchternd. Die Deutsche Botschaft war zum Empfang erschienen und ließ die Landsleute in ihre Quartiere geleiten. Erst nach einigem Hin und Her war man mit dem Unterschlupf zufrieden. Die Deutsche Botschaft wird im Laufe kommender Zeiten in der Unterbringung deutscher Fußballer größere Routine erwerben, als sie diesmal an den Tag legte, und dann wird alles klappen. Im übrigen aber — das soll laut und deutlich betont werden — nahm sich die Deutsche Botschaft der Heimatleute mit vorbildlicher Zuvorkommenheit an und ließ gar keinen Zweifel daran aufkommen, daß ihr die sportlichen Reisen deutscher Mannschaften außerordentlich wertvoll und erwünscht erscheinen und daß Fahrten, wie sie nunmehr die Frankfurter Eintracht absolviert hat, dem Deutschtum im allgemeinen und seinen Beziehungen zu Frankreich auch auf anderen Gebieten sehr von Vorteil sein werden. Der sportliche Kosmopolitismus Walther Bensemanns aus den 90er Jahren gerechtfertigt durch die Deutsche Botschaft in Paris im Jahre 1926!

Die Pariser Sport- und Tagespresse hatte sich ganz auf das sportliche Ereignis des 30. Juni eingestellt. Mit mehr als überschwenglichen Worten war der Besuch deutscher Fußballer angekündigt worden, wobei teilweise von Vorzügen und Dingen lesen war, die in Wirklichkeit viel bescheidener aussahen. Es wäre verfehlt, den Urhebern dieser unbegrenzten Lobeshymnen, die in Eintracht den mehrjährigen norddeutschen Meister, in Willy Pfeiffer einen sechzehnfachen Internationalen usw. ankündigten, den Vorwurf bewußter Täuschung und unlauterer Reklame zu machen. Es scheint sich hier vielmehr um eine tiefgründige Unkenntnis der Geschehnisse im deutschen Fußballsporte zu handeln, die erkennen läßt, welch umfangreiche und dankbare Pionierarbeit hier noch zu leisten bleibt. In Deutschland sind wir etwas besser dran. Wir kennen die wichtigsten Ereignisse jenseits unserer Landesgrenzen durch die ausreichende Auslandskorrespondenz wenigstens der führenden Sportblätter und auch hier wieder insbesondere durch den journalistischen KosmopoIitismus Walther Bensemanns, der eine Ignoranz, wie sie scheinbar in Frankreich gang und gäbe ist, unter seinen Lesern nicht aufkommen läßt.

Wie dem auch sei, die Lobesspende der französischen Presse hatte ihr Gutes. Die Eintrachtmannschaft vermied es, die Verkünder ihres göttlichen Ruhmes Lügen zu strafen, spielte in der Tat das Spiel der Spiele und hinterließ bei 4500 begeisterten Zuschauern den denkbar besten Eindruck. Mit Rieseneifer, bei trotzdem vollkommen ritterlicher Kampfesweise, wurde den verzweifelt sich wehrenden Redstars ein 5:1 abgerungen. Mit tadelloser Kombination rollten die Angriffe ohne Unterlaß gegen das französische Tor, technisch und taktisch reihte sich ein Bravourstück an das andere, und zum Schlusse hatten sich elf Frankfurter Fußballer in die volle Sympathie des begeisterten Publikums zu teilen. Kein Wunder also, daß tags darauf die französische Presse das Lob der Eintrachtmannschaft in allen Tonarten pries. Insbesondere scheint es Walter Dietrich den Parisern angetan zu haben, der namentlich als Mittelläufer ein ganz großes Spiel gezeigt haben soll. Aber auch seine Nebenleute im Angriff, namentlich Pfeiffer und Döpfer, wurden mit mundvoll Lobes überschüttet. Ganz besonders schmeichelhaft lauten die elnmütigen Urteile der Pariser Presse über die Leistungen der gesamten Hintermannschaft einschließlich des Torwächters Trumpp.

Als am Montag abend, um 8.50 Uhr, der Pariser Schnellzug mit unheimlicher Pünktlichkeit im Frankfurter Hauptbahnhof einlief, war es schwer, sich freie Bahn zu machen bis zu dem Wagen III. Klasse, der die Sieger von Paris auf den von Tausenden besetzten Bahnsteig auslud. Mit brausenden Hurras, Lorbeer, Blumen, Händedruck und -Küssen wurden die wackeren Mehrer deutschen Ruhmes und Ansehens im Auslande empfangen. "Wir hatten einige Herren unseres Spielausschusses an der Bahn erwartet," sagte einer der Spieler in schlicht bescheidener Art.

Aber die Frankfurter Sportgemeinschaft, ohne Ansehen der Vereinszugehörigkeit, hatte es sich nicht nehmen lassen, dem Jubel und der Begeisterung freien Lauf zu geben, den die frohe Siegesbotschaft aus Paris in ihrem Herzen ausgelöst hatte. Man mag den Ankommenden glauben, daß sie von dem Sturme der Begeisterung überwältigt waren. Ueberwältigt waren aber auch alle, die zum Empfang herbeigeeilt waren, von dem vorzüglichen Eindruck, den die Mannschaft auch am Ende ihrer anstrengenden, aber erfolgreichen Fahrt machte. Gar manches mag sich im Laufe der Jahrzehnte im Fußballsporte geändert haben — zum guten oder zum schlechten —, eine Fußballreise hat noch immer noch immer ihren Reiz und ihre Poesie. Als ich am Montag abend die Eintrachtkameraden im Ueberschwange ihres sichtlichen Zusammengehörigkeitsgefühls und ihres Einheitsbewußtseins dem Zuge entsteigen sah, da war es mir auf einmal wieder so gegenwärtig, dass auch ich einmal in den 90er Jahren mit der Frankfurter Germania die Mannheimer Fußballgesellschaft 1896 oder die Union besucht hatte, daß ich 1904 als Fußballer von Tübingen nach Reutlingen und Stuttgart gefahren war, und all die vielen Reisen mit dem Marburger Verein für Bewegungsspiele 1905 standen wieder in taufrischer Erinnerung.

Materialisten des Sportes? Welche Lästerung! Du hast sie nicht ankommen sehen! Du hast den Zauber nicht empfunden, der ihr Herz füllte, den ihr Antlitz ausstrahlte! Ich sage dir, du hast das nicht gesehen, du Erbärmling!

"Beim nächsten Male fahre ich mit!" — "Ich auch!" — "Ich auch!", Ich auch. Aber ihr müßt Löffel haben, wenn es Hirsebrei regnet!       Ludwig Isenburger (aus dem 'Kicker' vom 08.06.1926)

 

 


 

aus den Vereinsnachrichten 06-1926:

 

 

 

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