Eintracht Frankfurt - FC Bayern München

Süddeutsche Meisterschaft 1931/32 - Finale

2:0 (2:0) abgebrochen

Termin: 01.05.1932 in Stuttgart
Zuschauer: 20.000
Schiedsrichter: Glöckler (Pirmasens)
Tore: 1:0 Walter Dietrich (5.), 2:0 Walter Dietrich (35.)

Spielabbruch in der 83. Min. wg. Zuschauertumulten

 

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Eintracht Frankfurt FC Bayern München

 


  • Welker
  • Schmid
  • Rohr
  • Krumm
  • Bergmaier
  • Naglschmitz
  • Goldbrunner
  • Haringer
  • Heidkamp
  • Bader
  • Lechler

 

Trainer Trainer

 

Um die Süddeutsche Meisterschaft

Eintracht führt gegen Bayern mit 2:0, als 7 Minuten vor Schluß das Publikum in den Platz eindringt

In dem vielgeplagten Fordwagen von Ernst Reim starteten wir kurz nach dem ersten Hahnenschrei vom Königstor: außer dem Besitzer des Autocabrioletts nur der Finanzrat und der Schreiber dieser Zeilen. Die Luft war warm, die Sonne kämpfte mit den Wolken, aber auf den Wiesen fehlte noch das satte Grün, und die Baumblüte merkte man erst zwischen Gaildorf und Waiblingen. So richtig haben wir sie erst am nächsten Tag gespürt: auf jener wunderbaren Terrasse des Kurthschen Hauses in der Schottstraße, wo die farbenprächtigen Beete der Glyzinien und der Tulpen den notwendigen Kontrast zu dem weißen Blütenmeer der Apfelbäume bilden. Reim fährt sehr gut, etwas schneller als der Schnellzug, was ja bei den vielen Kurven und den oft recht schlechten bayerischen Straßen recht viel besagen will. Bei Frank aßen wir mit Koppenhöfer, der diese Woche noch zu Erhebungen in Verbandssachen nach Mittelfranken kommt.

Nachmittags spielte die Tennis-Borussia auf dem VfB.-Platz gegen den VfB. und teilweise auch mit demselben. Der Cannstatter Verein hatte keinen großen Tag; die Sperrung seines guten Verteidigers Vollmer machte sich bemerkbar und die Läuferreihe war zudem schwach. Die Berliner hatten einige gute Leute in der Mannschaft; am besten gefiel mir der alte Torwächter Patrzek, der leider gegen Schluß mit einer leichten Gehirnerschütterung ausscheiden mußte. Daß die Niederlage am Sonntag gegen die Münchner 60er so hoch ausfallen würde, habe ich mir zwar nicht gedacht, aber daß die Münchner siegen würden, war vorauszusehen, trotzdem TB. zeitweilig hübschen Fußball demonstrierte. Beim Abendessen trafen wir im Bahnhofrestaurant Bürkle die Mannschaft des 1. Fußball-Club Nürnberg, die sich auf dem Weg zum Jugendheim zum Kampfe gegen den Fußballsportverein durch Erbsensuppe mit Wurst und Zwiebeln stärkte. Siegesgewiß und vergnügt schieden sie von Stuttgart, in Begleitung ihres zweiten Vorsitzenden und der Herren Schütz, Danninger und Konrad. Im Hindenburgbau war kaum Platz zu finden; aber da es Samstag abend war, wo es überall voll ist, lassen sich daraus keine Schlüsse auf die allgemein angenommene Wohlhabenheit Stuttgarts ziehen. Die fürchterliche Sommerhitze zwang uns zu baldigem Aufbruch und so kam ich dazu, noch am selben Abend die Memoiren des 25jährigen Klaus Mann fertig zu lesen. Ich glaube nicht, daß Hauff älter war als er starb; vielleicht bringt uns der junge Mann im Laufe seines hoffentlich noch recht langen Lebens etwas wie Lichtenstein oder die Phantasien. Das Milieu, aus dem die Erinnerungen stammen, ist interessant genug; der Autor ist ein fanatischer Belletrist und — dies en passant — hat für den Sport, scheint es, gar nichts übrig. In diese Mentalität kann ich mich beim besten Willen nicht hereindenken, aber der gute Klaus wird sich, wenn er dereinst ein berühmter Mann ist, damit trösten, daß er nichts mit den Banausen gemein hatte.

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Am nächsten Morgen kamen allerhand Leute zu mir, teilweise um die Chancen des Nachmittags und der deutschen Meisterschaft zu besprechen, teilweise um die berühmte Leberwurst von Engelbrecht in der Karolinenstraße zu Nürnberg zu versuchen, teilweise auch, um sich rasieren zu lassen, nachdem sich der Besuch eines Friseurs herumgesprochen hatte. Auch Graf Beroldingen machte von dieser Gelegenheit Gebrauch; als er deutliche Spuren einer roten Zahnpasta in meinem Waschbecken erblickte, fragte er den Barbier, ob dies das Blut der vorhergehenden Opfer sei. Inzwischen hatte man vernommen, daß die Eintracht ihre Zimmer im Parkhotel Silber abbestellt hatte, um nicht mit den Bayern zusammen zu wohnen. Dombi bestritt den Grund und erklärte, es sei nur geschehen, um der Mannschaft größere Ruhe zu sichern (es dürfte bekannt sein, daß zur Zeit ein Federkrieg zwischen beiden Vereinen herrscht, der unter anderm von unserem langjährigen Korrespondenten „Jockey" mit bekannter Schneidigkeit durchgeführt wird).

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Als wir um Punkt halb 3 Uhr in dem bekannten Auto-„Butzemann" mit dem bekannten Anton auf dem VfB.-Platz in Cannstatt vorfuhren, war der Platz bereits zum Bersten voll. Der ganze Betrieb wickelte sich aber sehr nett ab, da die Platzbesitzer sich mit der Anordnung und Placierung viel Mühe gegeben hatten. Punkt 3 Uhr begann das Spiel mit Herrn Glöckler-Pirmasens als Schiedsrichter.

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Es muß vorausgeschickt werden, daß die Eintracht einen besseren Fußball vorführte als Bayern. Zumal der Sturm, der am vorigen Sonntag gegen Pirmasens so wenig getaugt hatte, spielte wie umgewandelt. Alle fünf Leute gaben sich eine Riesenmühe, und es war ja eigentlich Pech, daß Kellerhoff schon ziemlich am Anfang Statist wurde. Die übrigen vier bemühten sich, das Handicap auszugleichen und spielten mit einer Verve, die mir viel Freude bereitete. Der Bayernsturm machte dagegen einen schläfrigen Eindruck. Es war sehr hübsch, zu sehen, wie Rohr den Sturm führte, aber weder der linke Flügel, noch der rechte vermochte das Kämpferherz aufzubringen, um die Vorlagen richtig zu verwerten. In der Verteidigung und Deckung der Eintracht ließ sich ebenfalls ein Plus konstatieren, zwar waren Heidkamp, Haringer und Schmidt gut disponiert, aber Goldbrunner fiel erheblich gegen Leis ab und trotzdem Schütz nicht seinen allerbesten Tag hatte, war er doch noch besser als Bader. Wenn also die Eintracht mit einem Torunterschied von 2:0 in die Kabinen ging, hatte sie vollen Grund, auf das Resultat stolz zu sein.

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Nach der Pause sah man eine Serie von Angriffen der Bayern und reines Defensivspiel der Frankfurter. Während dieser ganzen Zeit hatten die Bayern ohne Zweifel Pech; aber sie spielten Liga-Fußball und keinen Cup-Fußball. Es schien ihnen wenig an dem Titel Süddeutscher Meister zu liegen, vielleicht weil einem die Verbandsspiele heutzutage kein Zeit zu Privatmatches lassen, bei denen der Titel „Süddeutscher Meister" Geld einbringt. Bei Halbzeit kam die Nachricht aus Karlsruhe, daß der Club mit 2:0 führe; in Wirklichkeit führte er damals schon 3:0. Auf der Tribüne und um den Platz herum sitzen und stehen viele Bayern, wie es denn auch einen bayerischen Verein in Stuttgart gibt. Diese nehmen das interimistische Karlsruher Resultat dankbar hin, da ihre Landsleute in Stuttgart eben nicht von Glück gesegnet sind.

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Achtzig Minuten sind verflossen, alles ist vollkommen friedlich verlaufen; mit Ausnahme von einigen Sprechchören nach der Pause: „Bayern erwache", hat man nichts Präcises vom Publikum erfahren, und die Mannschaften haben in jeder Beziehung fair gespielt. Aber wie es der Teufel haben will, kommt eine Serie von Entscheidungen, die offensichtlich gegen Bayern gerichtet sind. Krumm wird gelegt: der Schiedsrichter gibt keinen Elfmeter; die Bayern und das Publikum reklamieren einen weiteren Elfmeter für Hand, der Schiedsrichter gibt ihn nicht. Eine Minute später neue Reklamationen; ich habe nicht hingeschaut, aber meine Stuttgarter Freunde und auch Frankfurter Herren haben deutlich gesehen, daß Schütz einem unabsichtlichen Hand ein absichtliches folgen ließ. Der Schiedsrichter gibt keinen Elfmeter. Im Publikum geht ein unbeschreibliches Toben los. Es ist schon richtig, daß Bayern in Stuttgart mehr Sympathie hat als die Eintracht. Hier handelt es sich aber nicht darum, auch nicht um den gewöhnlichen Klubfanatismus, sondern das Gerechtigkeitsgefühl der Masse bricht sich elementar Bahn und wird, so fürchten wir, zu einer unliebsamen Entladung führen. Bereits stürmen die ersten Empörten auf den Platz. Empört sind sie nicht nur darüber, daß die verlierende Mannschaft augenscheinlich bei diesem Schiedsrichter kein Recht bekommen kann, sondern darüber, daß Herr Glöckner seine Miene zu einem höhnischen Lachen verzieht, das ich so provozierend erst einmal bei dem leider verstorbenen Guyenz in Düsseldorf gesehen habe. Schon damals habe ich eine Katastrophe befürchtet, aber zahlreiche Polizei hatte eingegriffen. Heute steht dieser unselige Schiedsrichter, ein ohne Zweifel zur Leitung von großen Spielen befähigter, aber arroganter und eigensinniger Mensch, allein gegen das Publikum. Es ist nicht einziger Schutzmann auf dem Platz, und dieser Umstand verdient nähere Erklärung. Seit Jahrzehnten ist es der Stolz der Stuttgarter Sportgemeinde, daß die Platzbesitzer auf ihren Plätzen das Hausrecht zu wahren wissen; dazu kommt, daß die Funktionäre des VfB. und der Bezirksvorsitzende nicht einen Moment daran gedacht haben, daß ein Zusammentreffen zwischen Münchnern und Frankfurtern die Volksseele je zum Kochen bringen könnte. Aus dieser leicht begreiflichen, entschuldbaren und, wie sich herausstellt, doch falschen Einstellung heraus ist der Schiedsrichter in große Gefahr gekommen.

Deutlich sehen wir diese Gefahr. Der neben mir sitzende Koppenhöfer und ich gehen den Eindringlingen nach und indem wir sie auf die Folgen für den Stuttgarter Verein hinweisen, gelingt es uns, sie zum Verlassen des Platzes zu bewegen. Voller Empörung begleiten sie uns an die Außenlinie zurück und gerade als wir denken, daß alles vorüber ist, schauen wir uns um und sehen zu unserem Leidwesen, daß die Zuschauer zwar nicht mehr von der Tribüne, aber dafür von den drei anderen Seiten des Platzes, und dann auch noch von der Tribüne, auf den Schiedsrichter eindringen. Die Spieler der beiden Vereine, Dombi und der Platzschutz des VfB. suchen Glöckner unversehrt In die Kabine zu bringen, aber ein Stock und ein Stuhl sind auf den Pirmasenser niedergesaust und nur mit Aufbietung aller Kräfte und im Geschwindschritt vermag die Rettungskolonne ihn unter das schützende Dach zu bringen. Seine spätere Abfahrt geschieht unter dem Schutz des Ueberfallkommandos, da Tausende noch warten, um ihm einen weiteren Denkzettel zu verabreichen.

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Es wird behauptet, daß der Sturm auf den Platz von den bayerischen Anhängern der Bayern ausgegangen ist und ohne Zweifel haben sich eine große Reihe von Bayern (nicht Mitglieder des Clubs, sondern geborene Bayern) an den Demonstrationen beteiligt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, daß die Leute, mit denen ich in Kontakt kam und die zuerst auf den Platz eindrangen, keine Bayern, sondern waschechte Stuttgarter waren, Leute, die nicht a priori für die Bayern fanatisch eingestellt waren, sondern die aus purem Gerechtigkeitsgefühl heraus demonstrierten, weil nach ihrer Ansicht die eine Partei vom Schiedsrichter mit Absicht benachteiligt wurde. Solange ich Fußballplätze besuche, habe ich nie einen solch elementaren Ausdruck der Empörung über ein Unrecht gesehen. Daß der Schiedsrichter dann noch über die pfeifende, johlende und zischende Menge spottete, riß dem Faß den Boden aus und mußte zur Katastrophe führen. Der Schiedsrichter ist noch glimpflich weggekommen; ich hatte schon anderes für ihn befürchtet.

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Jetzt kommt die Moral von der Geschieht': wir können niemals zugeben, daß die Zuschauer die Gesetzgebung in die eigene Hand nehmen. Mit der Unverletzlichkeit des Schiedsrichters steht und fällt unser Sport, und den Stuttgarter Vereinen wird für jedes kommende große Spiel die Auflage gemacht werden, genügend polizeilichen Schutz von Anfang an zu requirieren. Mit dieser Auflage ist eine alte Tradition der Stuttgarter zuschanden geworden, und das ist das allerbedauerlichste an der ganzen Sache. Den Organisatoren des Spiels kann man nur zum Vorwurf machen, daß sie aus Gründen der Tradition falsch gehandelt haben und einen Lapsus begingen, der leider so bedauerliche Folgen mit sich brachte.

Muß das Spiel wiederholt werden? Das ist natürlich keine Frage der persönlichen Einstellung, sondern der Regel. In den Spielregeln des Deutschen Fußball-Bundes heißt es in der Regel. 2: Die Dauer des Spiels beträgt 90 Minuten, wenn nichts anderes vereinbart worden ist. Es war nichts anderes vereinbart worden. Es kann auch nichts anderes vereinbart werden, solange es sich nicht um Privatspiele handelt (siehe ausführliche Bestimmungen des DFB. zu Regel 2, §6, Seite 72). Es heißt dann weiter in den Anweisungen auf Seite 13, daß der Schiedsrichter das Spiel, normale Verhältnisse vorausgesetzt, 90 Minuten lang durchführen muß. Die Verhältnisse waren nicht normal, der Schiedsrichter konnte das Spiel nicht durchführen und die Leute behaupten, es haben noch 7 Minuten gefehlt. Sowohl Graf Beroldingen, den ich gestern noch sprach, wie Kurt Landauer, mit dem ich heute telephonierte, werden vorläufig keine Schritte in dieser Angelegenheit tun, bis der Verbandsvorstand sich geäußert hat. Diesem wird das Material von bei dem Spiele anwesenden Mitgliedern des erweiterten VV. übersandt werden.

Wer trägt die Hauptschuld? Nach meiner Ansicht der Schiedsrichter. In den zwölf Jahren, die der „Kicker" besteht, hat so mancher Referee bei uns über Gebühr Schutz gefunden. Wir haben stets versucht, auch offenbare Fehler zu decken, weil wir das rein Menschliche in den Vordergrund setzten und es außerdem für unsere Pflicht hielten, dem Einzelnen gegen die Masse zu helfen. Dieser prinzipielle Standpunkt kann mich nicht dazu bringen, einen Schiedsrichter zu decken, der technisch reif, psychologisch eine Unmöglichkeit ist. Er konnte der Ansicht sein, daß Krumm nicht so gelegt worden war, daß es einen Elfmeter verdiente, er konnte wieder der Ansicht sein, daß der erste Ruf nach unabsichtlicher Hand unberechtigt sei, er mußte aber, so argumentiert das Publikum, unbedingt sehen, daß bei dem zweiten Handruf der Elfmeter gegeben war. Da kam ihm sein Eigensinn in die Quere und er verlor die Selbstbeherrschung, was aus seinem Mienenspiel deutlich hervorging. Ein arroganter Herr: vor dem Spiel sagte er zum Bayern-Trainer: „Schicken Sie mir dann die Eintrachtleute in meine Kabine, damit sie sich mit ihren Pässen vorstellen." Herr Glöckner wird reichlich Gelegenheit haben, seinen Fall an geeigneter Stelle vorzubringen; vielleicht hat er Gründe, Argumente, Tatsachen, von denen ich nichts weiß, und die das Publikum nicht ahnte. Eines weiß ich gewiß, und Herr Glöckner mag Gründe und Argumente vorbringen, wie er will: wir sind nicht dazu da, um seinen Eigensinn und seinen Spott auszufressen und dafür zu sorgen, daß er mit heilen Knochen heimkommt. Bei aller Selbstbewußtheit muß ein Schiedsrichter die Grenzen seiner Domäne kennen. Dies ist hier nicht der Fall gewesen.

Die Fahrt von Stuttgart nach Nürnberg erfolgte im gleichen Zuge mit den Clubleuten, die ihren Sieg in Skat und Schafkopf feierten. Am Bahnhof empfingen mich zwei Leute aus der guten alten Zeit: Dr. Zörner von Köln 99 und Dr. Steinlein, der alte Verteidiger des Clubs. Es war mir lieb, mit diesen vernünftigen Trägern einer früheren Kulturepoche im Sport über die Jammerszenen des Nachmittags reden zu können.               Walther Bensemann.

Der schwäbische Beobachter:

Muse, verhülle Dein Haupt, ob so viel Leidenschaft, die wie eine Bestie am Schlusse dieser seit 1899 neunundzwanzigsten Austragung der süddeutschen Verbandsmeisterschaft zum Ausbruch kam. Dabei sah man 80 Minuten lang ein Spiel zweier hochklassiger Vertreter der süddeutschen Spitzenklasse, das in allen Gangarten Anstand und gute Sitte der Spieler verriet und nie erwarten ließ, daß ein nicht verhängter Handelfmeter eine derartige Explosion veranlassen würde. Allerdings hat auch dann der Ordnungsdienst versagt, als es galt, zunächst einzelne Gruppen, die anfänglich noch nach Hunderten zu zählen waren, zurückzudrängen. Später, als die Tausende hereingestürmt kamen, war es natürlich aus, ein kleiner Teil des Publikums hat den Spielabbruch mit Gewalt erreicht und dem Sportgedanken in Stuttgart ungemein geschadet. Es läßt sich aus diesem Chaos wohl kaum einwandfrei ermitteln, ob in der Hauptsache auswärtige Besucher die Rädelsführer waren, denn im allgemeinen darf man dem Stuttgarter Publikum unbedingte Objektivität und Disziplin nachrühmen, so daß es eigentlich unverständlich gewesen wäre, wenn die Einheimischen, die allerdings mehr mit den Bayern als mit der Eintracht sympathisierten, sich an diesem Schlußradau groß beteiligt hätten.

Was wird nun? Nach diesem Ende mit Schrecken möchte man wünschen, daß das Endspiel um die süddeutsche Meisterschaft, das für die beiden Mannschaften augenblicklich keine große Bedeutung hat, da beide zu den DFB.-Spielen zugelassen sind, später, in ruhigeren Zeiten, die nicht so den Stempel der Uebersteigerung der Leidenschaften tragen, nachgeholt worden wäre.
Es wäre ungerecht, der Eintrachtmannschaft, die so wenig wie die Bayernelf für den Spielabbruch etwas kann, etwa den Titel nicht zuzuerkennen. Denn Eintracht war mindestens in den entscheidenden Phasen dieses Kampfe die routiniertere Mannschaft, was schon auf Grund der angewandten Taktik zu erkennen war. Eintracht spielte eine sehr kluge Partie, in der ersten Spielhälfte ganz auf die Herausarbeitung eines Torvorsprungs, nachher rein auf Halten des Ergebnisses abgestellt! Die Frankfurter konnten sich diese Taktik bei der Bayernmannschaft des Sonntags ruhig gestatten, denn die Münchener waren im Sturm recht ungefährlich und spielten zeitweise ohne Ambition. Die Drangperiode in der zweiten Spielhälfte, die das Publikum zu einer forcierten Haltung und Unterstützung der Münchener bewog, war bewußt von der Eintracht herbeigeführt, denn Dietrich und Möbs verstärkten die zahlreiche Verteidigung. Da bei der hervorragenden Abwehrleistung von Schütz, Stubb und Gramlich, sowie dem intelligenten Verbinderspiel von Mantel und Dietrich kaum zu erwarten stand, daß der zerfahrene Bayernangriff zu realen Toren kommen könnte, war es das Gegebene, daß man zwei Hände im Eintrachtstrafraum, die zweifellos sichtbar vorgekommen sind (bei denen aber nur der Schiedsrichter über Absicht oder Ungewolltsein im Zweifel zu sein schien) zum Ausgleich herbeisehnte. Das war neben den Sympathien, die den Bayern in Stuttgart von jeher in besonderem Maße zuteil wurden, der zweite und hauptsächlich zündend wirkende Funke. Der zweite nicht verhängte Elfmeter wäre auch mir berechtigt erschienen, weil Schütz eine bewußte Bewegung mit gestrecktem Arm nach dem Ball vollführte. Aber das ändert nichts an der furchtbar rohen Tatsache, daß Schiedsrichter zum Lynchobjekt der Menge werden, wie es hier geschah, wo mit Stühlen und Stöcken auf den Schiedsrichter eingeschlagen wurde. Ist es da zu verwundern, wenn sich zum Schiedsrichteramt niemand mehr hergibt, wo wir sicher zugunsten der Schiedsrichterbewegung annehmen müssen, daß kein Spielleiter (und zu allerletzt Herr Glöckner-Pirmasens) mit einer Voreingenommenheit gegen irgendeine Partei das Spielfeld betritt?

Bei beiden Mannschaften ist nach 35 bzw. 33 Verbandsspielsonntagen ein Ueberspieltsein nicht zu verkennen. Bei Bayern kam dies stärker zum Ausdruck als bei der Eintracht, die durch ihre tatkräftigere Spielweise mehr Energie als die Münchener aufbrachte. Solche Energie gehört aber nun einmal zu Meisterschaftsentscheidungen und wir haben an den Berliner Tennis-Borussen im Samstagspiel gegen VfB. gesehen, mit welchen verschiedenen Stilarten die Bestreiter der DFB.-Meisterschaftsrunden zu rechnen haben. Bayern tut jedenfalls sehr schwer, sich auf den raschen Berliner Stil einzustellen, die Eintracht bringt dazu schon mehr Verve mit.

Ueberraschend war für viele der Formrückgang einzelner Standardspieler der Bayernelf, so vor allem von Bergmaier und Schmid, die durch ihr langsames Spiel der internationalen Eintrachtverteidigung die Abwehr auch in brenzligen Momenten ziemlich leicht gestalteten. Nur Rohr und Welker kamen diesmal besser zur Geltung, vor allem hat Rohr gezeigt, daß er ein sehr talentierter Sturmführer sein kann. Die Bayern haben auch keine ausdauernden Läufer, Goldbrunner und Naglschmitz konnten sich nie so ganz in das Spiel einfinden und nur Haringer versuchte mit pfundigen und auffallend gut placierten Weitschüssen, den Eindruck von der Schußarmut des Bayernteams etwas zu verwischen. Haringer war mit Heidkamp einer der Besten der Bayern, die anderen spielten teilweise weit unter ihrer sonstigen Form. Mir scheint auch, als ob eine Umstellung des Angriffs sich nicht mehr länger umgehen läßt.

Die Frankfurter waren wohl nicht von der Menge, aber doch von denen, die beide Mannschaften in den letzten Wochen aufmerksam verfolgt hatten, favorisiert. Eintracht hatte Schaller noch nicht zur Stelle, machte aber mit seiner Elf den weitaus geschlosseneren Eindruck, ohne allerdings den Standard der Spielweise eines FC. Nürnberg oder die Eleganz des Kickersspiels zu erreichen. Wenn man von Kellerhoff absieht, der nach 10 Minuten zur aussichtslosen Statistenrolle verurteilt war, spielte jeder einzelne Eintrachtmann ehrgeiziger und in seinen Leistungen geschlossener als der Gegner. Dietrich hatte bei der Eintracht die Rolle übernommen, die Heidkamp bei Bayern zufiel, er dirigierte mit sehr viel Geschick, war bei beiden Tormomenten schnell und entschlossen zur Stelle und leitete nachher das Rückzugsgefecht, das das Halten des Resultates bezweckte. Ob allerdings nach einem aufgeholten Tor nicht die Eintrachtler auch etwas von ihrer Ruhe eingebüßt und dadurch bei dem Drängen der Bayern die Gefahr des Ausgleichs und damit die Möglichkeit einer Spielverlängerung heraufbeschworen hätten, stand nicht ganz außer dem Bereich der Möglichkeiten.

Die Mannschaften waren schon am Samstag hier angekommen und in getrennten Hauptquartieren, die Bayern im Zeppelinhotel, die Frankfurter im „Silber' abgestiegen. Die Anhänger machten sich im Laufe des Sonntags im Stuttgarter Straßenbild mit ihren rotweißen Fähnchen stark bemerkbar, das große Ereignis war leicht zu wittern. Auf dem VfB.-Platz sammelten sich über 15000 Zuschauer, als die Mannschaften punkt 3 Uhr in folgender Aufstellung das Spielfeld betraten:

Eintracht Frankfurt: Schmitt — Schütz, Stubb — Gramlich, Leis, Mantel — Trumpler, Möbs, Ehmer, Dietrich, Kellerhoff.

Bayern München: Welker, Schmid, Rohr, Krumm, Bergmaier — Naglschmitz, Goldbrunner, Haringer — Heidkamp, Bader — Lechler.

Die Bayern erhielten besonders starken Beifall, die Sympathien des Publikums lagen zweifellos auf Seiten der Münchner. Eintracht wählt mit Rückenwind und überläßt den Bayern den Anstoß. Diese kommen gleich gut vor, Rohr wagt einen Schuß, der von Schütz abprallt, die darauffolgende Situation wird aber durch Strafstoß geklärt. Nochmals muß im Eintrachtstrafraum Gramlich der linken Seite von Bayern den Weg versperren, dann aber kommt in der dritten Minute die erste Ueberraschung. Möbs läßt sich nicht vom Ball trennen, läuft nach halbrechts aufs Bayerntor zu und hebt über den herauslaufenden Lechler hinweg den Ball zu Dietrich, der nur einzuköpfen braucht. Die Bayern liegen wohl mehr im Angriff, aber schon jetzt zeigt sich die geringe Wirkung ihrer Waagrechtkombination. Kellerhoff hinkt plötzlich, seine alte Verletzung macht sich bemerkbar, er muß das Spielfeld verlassen und bleibt nachher nur noch Statist. Rohr auf Bayernseite zeigt feine Einzelleistungen, zweimal kann ihm Stubb noch im letzten Augenblick den Ball abnehmen und zur Ecke retten. Nun kommen einige typische Ehmer-Vorstöße, die Schüsse des raschen Eintrachtsturmführers sind nicht ungefährlich. Bayerns Hintermannschaft zeigt Mißverständnisse und Unruhe im Strafraum, während die Eintrachtverteidigung weitaus souveräner das Feld beherrscht. Doch gelingt Bergmaier ein überraschender Schuß aufs Tor, Schütz wehrt geistesgegenwärtig ab. Bei Bayern versuchen es nun die Läufer, vor allem Haringer, mit dem Nachschuß, der Eintrachthüter ist aber darauf gefaßt. Die rechte Sturmseite der Frankfurter bleibt oft ungedeckt, bei einem Strafstoß von Gramlich bringen die Bayern den Ball nicht weg und Dietrich schlägt ihn aus kurzer Entfernung wuchtig unter die Latte. Das war der 2. Eintrachterfolg in der 35. Minute.

Die bisherige Erfolglosigkeit des Bayernsturms gibt Veranlassung zu einer Umgruppierung, die in der zweiten Hälfte erfolgt und Bergmaier auf halbrechts versetzt, während Schmid Linksaußen, Welker Rechtsaußen steht. Zunächst hat es den Anschein, als ob diese Umstellung für die Bayern zum Erfolg führe, Tore liegen in der Luft. Die Eintracht-Hintermannschaft kennt aber kein langes Fackeln, die Bayern holen nur Ecken auf, zu einem Erfolg reicht es nicht. Das Spiel läßt in der zweiten Hälfte auch an Güte nach, da das Tempo der ersten 45 Minuten seine Opfer fordert. Mehrfach stellen die Bayern um, Haringer und Heidkamp versuchen, der Drangperiode den nötigen Rückhalt zu schaffen, Schüsse von Krumm und Welker landen an der Querlatte, aber die Münchner haben kein Glück, Eintracht hält das Resultat mit verstärkter Abwehr. Die Massen sind bereits im Abströmen begriffen, als plötzlich in der 38. Minute Schütz ein sichtbares Händespiel begeht und der Schiedsrichter nicht zum Elfmeter pfeift. Das war das Signal zum allgemeinen Tumult, wie er eingangs schon geschildert wurde. Es ist jammerschade, daß ein an und für sich schönes und werbendes Spiel auf diese unerfreuliche Weise ausklingen mußte. Wingo.

...und der vom Main:

Das bange Gefühl der Beklommenheit, mit dem ich auch diesmal wieder durch dieses nördliche Einfallstor in die kesselförmige Mulde des Neckartals einzog, hatte mit der Sorge um den sportlichen Verlauf dieses Tages nicht das geringste zu tun. Der Leser möge wissen, daß ich wieder einmal — wenn auch nur auf kurze Stunden — an die Stätte zurückkehrte, die vor fast drei Jahrzehnten dem damaligen Tübinger Studiosus vertraut war und es seitdem geblieben ist; der Mensch hängt an seinen lieben und köstlichen Jugenderinnerungen, lebt und zehrt von ihnen.

Just heute am 1. Mai! Gewiß haben sie, die „cives acade-mici" der altehrwürdigen Eberhards-Universität, auch in der verflossenen Nacht wieder zur Mitternachtsstunde auf dem Tübinger Marktplatz ihre Maifeier abgehalten, ihr Maienlied in die Nacht geschmettert und bewiesen, daß auch die studentische Jugend von heutzutage den Sinn für Poesie und Romantik nicht ganz verloren hat. Aber man braucht nicht bis Tübingen zu fahren. Schon in Stuttgart wird man schwärmerisch, sofern einem die lieben Stätten schwäbischer Kultur überhaupt etwas zu sagen haben.

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Auch sportlich verkörpert die mehr als sieben Jahrhunderte alte Landeshauptstadt geweihten Boden. Wenn man will, kann man sogar behaupten, daß sie sportlichen Notwendigkeiten ihre Entstehung, mindestens aber ihren Namen verdankt: in dem klimatisch so sehr geschützten Talkessel des Neckars und des Nesenbaches haben die tatendurstigsten Ritter, Gaugrafen und Standesherren, die edlen Pferde gezüchtet, die sie für ihre glanzvollen Reiter-Turniere und Lanzenfeste brauchten, hatten dort einen großen „Gestütsgarten" angelegt. Kein Zweifel, daß der Name „Stuttgart" darauf zurückzuführen ist. Wie anders käme der sich wild bäumende Hengst in das Wappenbild der Stadt?

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Heute ist das sportliche Schwergewicht teils auf modernere, teils auf vulgärere Sportarten übertragen. Uns Fußballern bedeutet Stuttgart seit Jahrzehnten ein bedeutungsvoller Stützpunkt. Organisatorisch und spielerisch war namentlich uns süddeutschen Fußballern dieser Mittelpunkt unseres Verbandsgebietes von jeher der Treffpunkt aller Führer und Wegebereiter denen die gedeihliche Entwicklung unseres Lieblingssports am Herzen lag. Stuttgart, der oftmalige Tagungsort kleinerer und großer Fußballer-Kongresse; Stuttgart, die alte Schiedsrichter-Hochburg (also nicht nur die Stadt der Rosse, sondern auch des Rossi); Stuttgart, die Stadt der „Kickers" und des „Kicker"; aber schließlich und endlich, vor allem aber in erster Linie: Stuttgart, die Stadt unseres unvergeßlichen Eugen Kipp!

Die Frankfurter partizipieren selbstredend stark an diesen Fäden allgemeiner Zusammengehörigkeit. Darüber hinaus haben sie, namentlich soweit sie sich zum „Eintracht"-Anhang zählen, noch ihre besonderen Berührungspunkte mit der schwäbischen Metropole. Schon einmal, vor nunmehr neunzehn Jahren, haben sie, damals noch unter dem Namen des „Frankfurter Fußballvereins", auf Stuttgarter Boden im Kampf um die süddeutsche Verbandsmeisterschaft gestanden. Im Jahre 1913 standen sie im zähen Ringen den Stuttgarter „Kickers" gegenüber. Ein Unentschieden, ein torloses Spiel, ein einziger Punkt hätte ihnen genügt, den stolzen Titel eines Verbandsmeisters erstmalig nach Frankfurt zu entführen! Ein widriges Schicksal hatte es anders gewollt. Fritz Becker, der alte Haudegen des FFV., behauptet zwar heute noch mit aller Entschiedenheit, daß der unglückselige Ball, den er habe ins Spielfeld zurückschlagen wollen, schon längst die Torlinie überschritten hatte, aber ein unausrottbares „on dit" hat sich bis zum heutigen Tage erhalten, demzufolge „Knäul's" mißglückter Rückzieher an die untere Kante der Querlatte zum Selbsttor geführt und die armen Frankfurter um die — ach, so greifbar nahe! — Verbandsmeisterschaft gebracht habe!

Es waren also trübe Erinnerungen, die sich unwillkürlich bei den Frankfurter auffrischten. Die Möglichkeit einer Duplizität der Ereignisse ist ja nie ganz von der Hand zu weisen. Aber schließlich — und das war in diesem Falle der hoffnungsfrohe Trost — ist der Fußballer kein Fatalist, braucht sich daher auch nicht widerspruchslos in ein für unabwendbar gehaltenes Schicksal zu fügen. Und dieses Bewußtsein, das Fatum schließlich doch noch meistern zu können, brachte die Stimmung zum freundlichen Umschwung.

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Der Optimismus der Frankfurter rechtfertigte sich während des Spiels vollauf. Ganz im Gegensatz zu den Leistungen des Mainmeisters nach seiner Rückkehr vom Osterturnier in Berlin zeigte die Elf zwar keine überwältigenden Taten, aber sie spielte doch wenigstens so gut, daß man ihren heiß ersehnten Sieg als berechtigt und verdient bezeichnen darf. Und doch ist auch diesmal Stuttgart nicht ganz ohne bittere Erinnerung geblieben. Die furchtbaren Exzesse, die kurz vor der ordnungsgemäßen Beendigung der Spielzeit zu verzeichnen waren und schließlich zum vorzeitigen Abbruch des Kampfes führten, warfen bedauerlicherweise einen schweren Schatten auf die ganze Veranstaltung und damit auch, wiewohl weder die Eintrachtelf noch ihr Anhang im geringsten daran die Schuld trägt, auf den Wert ihrer zum zweiten Male errungenen Verbandsmeisterschaft. Um nicht mißverstanden zu werden, möge mir die ausdrückliche Wiederholung gestattet sein, daß die siegreiche Mannschaft an den unerhörten Vorkommnissen vollkommen schuldlos war, daß sie, zweifellos sehr zu ihrem eigenen Leidwesen, das bedauerliche Opfer der Verhältnisse geworden ist. Aber es ist nun einmal nicht nach dem Geschmack des wahrhaft sportlich empfindenden Fußballers, wenn ein solch wichtiges Meisterschaftsspiel nicht über die normale Zeit zur Durchführung gelangt. Unwillkürlich denkt man an die erste Weltmeisterschaft unseres Max Schmeling, dessen vielbesprochener Sieg durch Disqualifikation des tiefschlagenden Gegners auch — ohne Verschulden unseres heroischen Landsmannes — einen kleinen Schönheitsfehler hatte.

Was sich da in Stuttgart kaum mehr als fünf Minuten vor Spielende vor versammeltem Pulbikum abspielte, war so ungeheuerlich, daß man, selbst auf die Gefahr hin, auf den eigentlichen Spielverlauf wegen Platz- und Zeitmangels später überhaupt nicht mehr eingehen zu können, die unliebsamen Ereignisse einer ausführlichen Erörterung unterziehen muß, um sie, soweit es überhaupt möglich, einer Klärung entgegenzuführen. Das ist umso notwendiger, als gerade zu allen Teilfragen so vielerlei zu sagen ist, sofern man das Bestreben aufrecht erhalten will, den widerstrebenden Einstellungen und Interessen aller Beteiligten mit gleicher Unvoreingenommenheit gerecht zu werden.

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Da möge zunächst, weil man mit diesem Teil der Angelegenheit vielleicht noch am ehesten zu Rande kommen kann, die Schuldfrage bezüglich des Organisators, also des VfB. Stuttgart, diskutiert werden. Mit den Vorbereitungsarbeiten hatte sich der Platzverein zweifellos die denkbar größte Mühe gegeben. Ihm selbst wird es vielleicht am peinlichsten sein, daß gerade auf seinem Platze die unsagbar schandvollen Dinge geschehen mußten. Allein schon die freundschaftlichen Beziehungen zum Gastverein aus München veranlaßten den Vorbereitungsausschuß zu äußerst gewissenhaften Anstrengungen. Und wäre der sportbrüderliche Verkehr mit der Frankfurter Eintracht nicht zufällig ebenso herzlich und ungetrübt, so wäre die naheliegende Rücksichtnahme auf die persönlichen sportlichen Interessen des Grafen von Beroldingen, des derzeitigen Präsidenten der Eintracht, der bekanntlich auch Ehrenvorsitzender des VfB. Stuttgart ist, allein schon maßgebend gewesen, auch den Frankfurtern ungetrübte Erinnerungen an dieses Endspiel in Stuttgart zu sichern. Man hat unmittelbar nach der Räumung des VfB.-Platzes vielfach sagen hören, die Schuld des Vorbereiters seien schon durch den Umstand erwiesen, daß er zu wenig polizeilichen Schutz vorgesehen und die wenigen anwesenden Polizeibeamten außerhalb der Platzeinfriedigung statt dicht an der Spielfeldgrenze postiert habe. Der Anwurf ist nicht stichhaltig. Vor allem ist es an sich vom sportlichen Standpunkt richtiger, die polizeilichen und sanitären Hilfsmannschaften möglichst gänzlich hinter den Kulissen zu halten und sie nur im Falle zwingender Notwendigkeit in sichtbare Erscheinung treten zu lassen. Darüber hinaus muß aber noch berücksichtigt werden, daß gerade Stuttgart bis dato denkbar friedlichster Boden war, und daß sich sämtliche dortige Verbandsvereine, besonders aber gerade der VfB., mit Recht rühmen konnten, noch niemals tumultuarische Szenen auf dem Sportplatz gehabt zu haben. Es bestand daher kein Anlaß, mit der plötzlichen und völlig unerwarteten Durchbrechung dieser örtlichen Gepflogenheiten zu rechnen, und dies umso weniger, als die Akteure des großen Kampfes von auswärts gekommen waren, so daß kaum mit einer Ueberhitzung der Gemüter des Großteils der Zuschauer, der örtlicher Herkunft entstammte, kalkuliert werden konnte.

Dies zur wohlerwogenen Rechtfertigung des VfB. Stuttgart. Und doch ist damit auch gerade der Frankfurter Eintracht kaum damit gedient. Man erinnere sich, daß gerade sie und ihr damaliger Wettspielgegner vor gar nicht langer Zeit einer empfindlichen Strafe unterworfen wurde, weil ähnliche Skandalszenen, die aber nicht annähernd den Umfang und die Abscheulichkeit der Stuttgarter Missetaten erreicht, sich auf ihrem Platze ereignet hatten. Man wird es daher den Eintrachtlern nicht verübeln dürfen, wenn sie fast zwangsläufig anfangen, Parallelen zwischen damals und heute zu ziehen. Man sieht sofort, die leiseste Erwähnung der Vorkommnisse von damals und ihrer Folgen eröffnet die lieblichsten Perspektiven. Man scheut sich förmlich, die notwendigen Folgerungen bis an ihr zwangsläufiges Ende auszudenken!

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Die Bayern-Mannschaft, die übrigens an den schweren Handgreiflichkeiten gegen den Schiedsrichter nicht beteiligt, sondern im Gegenteil an den Abwehrversuchen ernsthaftesten Anteil zu nehmen bestrebt war, schiebt die Schuld an der Riesenkatastrophe dem Spielleiter zu. Mehr noch als die aktiven Spieler tun dies die Schlachtenbummler aus München und der Teil der Stuttgarter Zuschauer, der sich schon vorher offensichtlich dem Bayern-Anhang zugesellt hatte. Der Vorwurf besteht zu Recht. Einzig und allein der Schiedsrichter hat durch sein fehlerhaftes Verhalten den Zusammenbruch verschuldet. Rein äußerlich würde diese von der Majorität der Zuschauer geteilte Ansicht dadurch sichtbar, daß selbst die rüpelhaftesten Demonstranten nur dem Unparteiischen zu Leibe gingen, dagegen die Eintrachtspieler völlig unbehelligt ließen. Allerdings bestand ja auch nicht der geringste Grund, die Frankfurter Spieler mit der Verantwortung zu belasten.

Mit der Festlegung meiner persönlichen Ueberzeugung, daß die Vorwürfe gegen Glöckner zu Recht erhoben wurden, will ich mich selbstredend in keiner Weise mit denjenigen identifizieren, die dem unglücklichen Spielleiter vorhalten zu müssen glauben, er habe die Bayernmannschaft absichtlich und vorsätzlich benachteiligt. Schon das Bewußtsein, daß derartige Mutmaßungen in das verdächtige Wollen eines anderen Menschen absolut unbeweisbar sind, lassen mich einen scharfen Trennungsstrich zwischen den München-Stuttgarter Schreiern und meiner eigenen Auffassung machen. Nüchterne Bewertung der Schiedsrichterleistung lassen nur die Behauptung zu, daß Glöckner viel überlegener tat, als er es in Wirklichkeit war. Er wollte offenbar jene Nonchalance zeigen, die allen Augenzeugen besagen sollte, wie sehr und wie vollkommen er über seiner Aufgabe stehe. Diese Koketterie mit seiner Tüchtigkeit hat ihn zu Fall gebracht. Leider versuchte er sich gerade in dieser Hinsicht mit Vorliebe in Momenten, in denen die einwandfreie Auslegung und Anwendung der Spielregeln jeden Schiedsrichter zu den kitzlichsten Entscheidungen zwingen. Er unterlag der Versuchung, zu zeigen, wie sehr er bei der genauesten Unterscheidung zwischen absichtlichen und unabsichtlichen Regelverstößen, in Sonderheit dem Handspiel, firm sei. Zu allem Unglück hatte er sich auf diese Weise dreimal in Gegensatz zu der Regelauffassung des Bayern-Anhangs gebracht, bei Entscheidungen im Eintrachtstrafraum. Dreimal hatte die Gefolgschaft der Münchener einen Elfmeter zu Gunsten ihrer Mannschaft verlangt, den Glöckner glaubte, nicht geben zu dürfen. Bezüglich der beiden ersten Fälle (es handelte sich um ein vermeintliches Foulspiel Gramlichs gegen Rohr und später um ein Handspiel Gramlichs) bin ich der aufrichtigen Ueberzeugung, daß ein Elfmeter niemals in Frage kam, weil Absichtlichkeit des Regelverstoßes zu unterlegen kein Anlaß bestand. Bezüglich des dritten Vorfalls bin allerdings auch ich andrer Meinung als der Spielleiter. Ich kann mich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß in diesem Falle unbedingt Elfmeter gegen Eintracht zu geben gewesen wäre. Ich halte es für tunlich, den Vorfall, so wie ich ihn gesehen zu haben glaube, schildere:

Der Frankfurter Verteidiger Schütz, etwa zwei Meter innerhalb seines Strafraumes stehend, versuchte, einen sich dem Boden zuneigenden Flugball mit dem Fuße zu stoppen. Der Versuch mißlang. Der Ball sprang anscheinend von der Sohlenspitze, vielleicht aber auch vom Reihen, unabsichtlich an den ausgestreckten rechten Unterarm des Spielers, Da der Unterarm leicht nach oben angewinkelt war, sprang der Ball von dort aus in der Richtung nach vorne. In diesem Augenblicke schlug Schütz — den Ball mit der Faust oder dem rechten Handgelenk zu Boden. Schütz hat also innerhalb von kaum mehr als einer Sekunde Zwischenzeit zweimal Hände gemacht, das erste unabsichtlich mit dem Unterarm kurz unterhalb des Ellenbogens, das zweite — absichtlich — mit dem Handgelenk oder der Faust. Dieser zweite Regelverstoß erforderte m.E. unbedingt Elfmeter. Daß Glöckner gerade den zweiten Moment nicht gesehen haben sollte, erscheint mir kaum annehmbar. Daß er ihn anders einschätzte, ist und bleibt sein gutes Recht Sein freies, schiedsrichterliches Ermessen, auch wenn es noch so sehr irrte anzutasten, kann niemals gutgeheißen werden. Damit soll natürlich gesagt sein, daß der Fehler Glöckners, selbst wenn es nachweisbar einer war, zwar bedauerlich bleibt, niemals aber der Anlaß hätte werden dürfen zu den ungeheuerlichen Dingen, die sich anschließend abspielten.

„Was nun?", werden sich viele Leser fragen. Diese Frage scheint sich von selbst zu beantworten. Rein sportrechtlich ist die Entscheidung reichlich viel komplizierter, als es bei oberflächlicher Betrachtung des Falles zunächst erscheint. Manches spricht dafür, ebenso vieles gegen diese oder jene Ansicht. Man muß es schon dem Scharfsinn des genauen Kenners der Verbandssatzungen und der -rechtssprechung überlassen, sich einen Ausweg aus diesem Labyrinth von „Wenn" und „Aber", zu suchen. Mir scheint nur eine Möglichkeit als sportlich einwandsfrei in Betracht zu kommen: das Spielergebnis, so wie es beim Spielabbruch feststand, anzuerkennen. Die Bayernelf, die ungefähr fünfundachtzig Minuten lang kein reguläres Tor erzielen konnte, wird unmöglich auf dem irregulären Wege eines immerhin scharf umstrittenen Elfmeters die Garantie erblicken wollen, im Augenblick des Spielabbruchs noch eine greifbare Anwartschaft auf den Ausgleich oder gar den Sieg gehabt zu haben. Rein theoretisch möge zwar diese absurde Möglichkeit von Fußballnarren erörtert werden. Mich selbst hat schon die bloße Erwähnung einer solchen Eventualität schwerste Ueberwindung gekostet.

Im übrigen: gerade die Bayern sind noch immer hochanständige, ehrliche Sportsleute gewesen. Man darf ihnen daher getrosten Mutes zur Selbstbeantwortung die Frage vorlegen, ob sie sich nach den in Stuttgart von beiden Parteien gezeigten Leistungen als den berechtigten Anwärter auf die Verbandsmeisterschaft von 1932 halten.

Und schließlich noch eine Bemängelung, natürlich nicht an die Adresse der unterlegenen Mannschaft, wohl aber an die Adresse einiger besonders großer Fußball-Fanatiker: „Was dachten sie sich eigentlich, meine Herren, als sie die Spieler der verlierenden Elf, die unstreitig so herzlich wenig Meisterliches gezeigt hatten, auf den Schultern vom Platze trugen?" Wollten Sie damit etwa dokumentieren, daß Sie die Bayern wirklich als die vom Schiedsrichter „verschobenen" moralischen Sieger des Tages betrachteten?? Unmöglich!! (Dies Wort stammt aus dem „Duden", die Betonung pumpte ich bei Grock!!)      Ludwig Isenburger. (aus dem 'Kicker' vom 01.05.1932)

 

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