Eintracht/Kickers - AC Mailand

Freundschaftsspiel 1973/1974

5:2 (4:1)

 

Termin: 26.09.1973
Zuschauer: 15.000
Schiedsrichter: Kurt Tschenscher (Mannheim)
Tore: 1:0 Jürgen Grabowski, 2:0 Uwe Kliemann (8.), 2:1, 3:1 Jürgen Grabowski, Semlitsch, Held; Mailand: Chiarugi, Tresoldi

 

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Eintracht/Kickers AC Mailand

 


  • Vecchi
  • Karl-Heinz Schnellinger
  • Luciano Chiarugi
  • Carlo Tresoldi

 

Wechsel
Wechsel
Trainer Trainer
  • Cesare Maldini

 

Ihr Geld nicht wert

Die Frankfurter Eintracht ist so erfolgreich wie lange nicht mehr. In diesem Zusammenhang diskutiert die Öffentlichkeit natürlich auch darüber, welche Eintrachtspieler Kandidaten für die Nationalmannschaft sein könnten. Aber nicht nur Fans und Journalisten bewegt dieses Thema: "Es gab doch plötzlich auch den Kölner Block, als die Kölner im Pokal Furore machten. Warum nicht mal ein Frankfurter Blöckchen", fragt sich beispielsweise auch Bernd Hölzenbein. Sein Trainer Weise hat bereits den Vorschlag gemacht, Kliemann in der DFB-Auswahl als Vorstopper eine Chance zu geben, aber auch Nickel und das große Talent Körbel kommen neben Grabowski und Hölzenbein infrage. Torwart Dr. Kunter, der in den letzten Wochen ebenfalls mit ausgezeichneten Leistungen glänzte und seit Jahren ein starker Rückhalt der Eintracht ist, beteiligt sich an den Diskussionen nicht: "Die Selbstanpreisung mancher meiner Torwartkollegen nach dem Motto, ich bin der Größte, ist mir zuwider", sagt Kunter wohl auch in Hinblick auf den Kölner Keeper Welz und wird deutlich: "Ich möchte mich nicht unter diese Kasper einreihen. Kleff und Maier sind schon o.k.", findet der Frankfurter Schlussmann.

Eintracht-Trainer Dietrich Weise lässt jedoch nicht locker und hat den Bundestrainer Helmut Schön bereits um ein Gespräch gebeten. "Es scheiterte bisher nur an der Terminnot. Aber ich glaube, einige meiner Spieler haben das Zeug dazu, auch bei Herrn Schön zu bestehen." "In sechs Jahren hat Schön als Stammgast im Waldstadion noch nicht den Weg in unsere Kabine gefunden", berichtet Bernd Nickel skeptisch und Bernd Hölzenbein soll bereits resigniert haben: "Die WM-Karten sind doch längst verteilt." Dieser Annahme tritt Schön allerdings deutlich entgegen: "Wer jetzt schon aufgibt, ist selbst schuld. Selbstverständlich ist die Zeit der großen Experimente vorbei und das Material gesichtet. In Hannover gegen Österreich spielen wir wieder mit Netzer. (Anmerkung: Real Madrid hat Netzer für das Länderspiel gegen Frankreich nicht frei gestellt.) Aber der endgültige Kader muss sich erst im Herbst und Winter herauskristallisieren. Es sind auf jeden Fall noch Plätze frei. Hölzenbein ist ein exzellenter Techniker, aber es muss sich noch beweisen, ob er besser ist als Wimmer oder Flohe …"

Besser als Wimmer oder Flohe ist Johan Cruyff, der zu Beginn dieser Saison für ca. 6 Millionen Gulden vom Europapokalsieger der Landesmeister Ajax Amsterdam zum CF Barcelona gewechselt ist. Den Katalanen waren für ihren neuen niederländischen Weltklassespieler Hertha BSC und der MSV Duisburg als Freundschaftsspielgegner nicht attraktiv genug und der Hamburger SV wollte nicht, doch jetzt spielt der FC Barcelona gegen die Reserve der Offenbacher Kickers. Spielervermittler Julius Ukrainczyk, der auch für die von der Henninger-Bräu gesponserten "Fußballspiele des Jahres" verantwortlich zeichnet, drehte den Spaniern für 20.000 Mark plus Flug- und Hotelkosten die zweite Mannschaft der Kickers an. Die Offenbacher führen heute somit einen Kampf in vier Stadien, denn zusammen mit der Frankfurter Eintracht spielen ihre Asse wie Held, Kostedde und Schäfer im Waldstadion gegen den AC Mailand, während Nationalspieler Schmidradner im Länderspiel gegen England für die Auswahl Österreichs aufläuft und die Traser-Zwillinge für die DFB-Amateure nach Lüdenscheid abgestellt werden mussten. Kein Wunder also, dass die Eintracht heute Abend für die Kombination aus beiden hessischen Bundesligisten das Hauptkontingent stellen muss.

Da es Trainer Gyula Lorant vorgezogen hat, mit der Offenbacher Reserve nach Spanien zu reisen, haben Eintracht-Trainer Dietrich Weise und Lorants Assistent Otto Rehhagel folgende Elf zusammen gestellt: Dr. Kunter, Semlitsch, Kliemann, Trinklein, Theis, Hölzenbein, Schäfer, Parits, Grabowski, Kostedde, Held. Auf der Bank nehmen die Offenbacher Helmschrot und Ritschel sowie die Frankfurter Weidle, Rohrbach und Nickel Platz.

Kurt Tschenscher aus Mannheim pfeift die Partie um 20 Uhr an. Tschenscher ist unter den Schiedsrichtern das, was Cruyff bei den Fußballern ist – einer der Besten seines Fachs. Lang ist die Liste der wichtigen Spiele, die unter seiner Leitung stattfanden, und einen Eintrag in die Geschichtsbücher sicherte er sich auch, als er bei der WM 1970 das Eröffnungsspiel zwischen Gastgeber Mexiko und der Sowjetunion pfiff und dabei als erster Schiedsrichter überhaupt die neu eingeführte Gelbe Karte zeigte.

Die kann er heute erst einmal stecken lassen, was aber nicht bedeutet, dass die Partie ereignislos wäre. Nach nicht einmal zehn Minuten hat Vecchi, der Keeper der italienischen Spitzenmannschaft, bereits zwei Mal hinter sich greifen müssen. Mit begeisternden Kombinationen reißen die Hessen die Abwehr der Italiener auseinander und lassen nur Fragmente übrig. Dem Führungstor durch Grabowski hat Kliemann mit einem gewaltigen Schuss aus 25 Metern in der 8. Minute das 2:0 folgen lassen.

Das ist bitter für die Elf um Karl-Heinz Schnellinger, die im Finale gegen Leeds United vor wenigen Monaten zum zweiten Mal den Europapokal der Pokalsieger gewonnen hat, wobei der deutsche Libero in diesem Endspiel nicht zum Einsatz kam. "Ausgerechnet Schnellinger …" – wer hat Ernst Hubertys Kommentar zum 1:1 in der Nachspielzeit des WM-Halbfinalspiels Deutschland gegen Italien im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt nicht mehr im Ohr, als Schnellinger eine Flanke von Jürgen Grabowski einnetzte? Doch heute ist nichts zu sehen, weder vom blonden Deutschen, der seit 1963 in Italien sein Geld verdient, oder vom italienischen Pokalsieger der letzten beiden Spielzeiten. Trainer Cesare Maldini, der 1963 mit dem AC an der Seite von Gianni Rivera, José Altafini und Giovanni Trapattoni den Europapokal der Landesmeister erringen konnte, müssen als ehemaligem Abwehrspieler bei diesen Lücken in seiner Hintermannschaft die Haare zu Berge stehen.


Grabowski köpft das 3:1

Dem italienischen Meister der Jahre 1962 und 1968 gelingt es zwar zwischenzeitlich auf 2:1 zu verkürzen, doch dann stellt der überragende Grabowski mit einem schulbuchmäßigen Kopfballtor den alten Abstand wieder her. Es ist fast wie eine späte Rache an der Mannschaft, die 1968 im Finale des Europapokals der Pokalsieger den Hamburger SV durch zwei Tore von Kurt Hamrin bezwang, der wiederum den deutschen Fußballfans als der Spieler in Erinnerung geblieben ist, der bei der Weltmeisterschaft 1958 in der 88. Minute das 3:1 gegen die DFB-Auswahl schoss und davor in der 59. Minute beim Stande von 1:1 den Platzverweis von Erich Juskowiak provoziert hatte.

Auch in der zweiten Halbzeit ändert sich nichts an der jämmerlichen Vorstellung der Gäste. Vor 15.000 Zuschauern im neuen Waldstadion ist die Kombination von Eintracht Frankfurt und Kickers Offenbach die tonangebende Mannschaft. Vom Glanz des AC Mailand ist nichts übrig geblieben, obwohl neun Spieler aus der Besetzung des diesjährigen Europapokalendspiels dabei sind. Die schwache Mailänder Vorstellung wird auch durch den ausgedehnten Stadtbummel vor dem Spiel nicht erklärlich. Die Truppe ist 11 Tage vor Beginn der italienischen Meisterschaft nicht nur schlecht eingespielt, sondern auch ohne Kondition. Kaum zu glauben, dass diese Mannschaft im Europapokal der Landesmeister vor einer Woche Dinamo Zagreb mit 3:1 geschlagen hat. Den Gästen gelingt zwar noch ein zweiter Treffer, doch letztlich lautet das Endergebnis 5:2.

Zu loben sind nach dieser Partie nur die Spieler der siegreichen Elf, allen voran der zweifache Torschütze Grabowski. "Der "Grabi" hat heute gespielt wie noch nie in der Saison", schwärmt Bernd Hölzenbein über seinen Kapitän. "Unser Spiel vor allem vor der Pause hätte mehr Zuschauer verdient", findet Otto Rehhagel und Dietrich Weise nimmt kein Blatt vor den Mund: "Dafür waren die Mailänder ihr Geld nicht wert. Die kassieren für solche Spiele 50.000 Mark, da müssten die Freundschaftsspielpreise für deutsche Mannschaften aber angehoben werden." Diesmal aber müssen sich die Kickers und die Eintracht noch mit je 25.000 Mark begnügen. (rs)


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