Werder Bremen - Eintracht Frankfurt

Bundesliga 1973/1974 - 15. Spieltag

1:2 (0:1)

Termin: Sa 10.11.1973, 15:30 Uhr
Zuschauer: 19.000
Schiedsrichter: Paul Kindervater (Köln)
Tore: 0:1 Bernd Hölzenbein (9.), 1:1 Werner Weist (50.), 1:2 Bernd Hölzenbein (59.)

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Werder Bremen Eintracht Frankfurt

  • Dieter Burdenski
  • Horst-Dieter Höttges
  • Rudolf Assauer
  • Dieter Zembski
  • Mario Kontny
  • Werner Weist
  • Karl-Heinz Kamp
  • Werner Görts
  • Peter Dietrich
  • Uwe Bracht
  • Hans-Gerd Schildt

 


 

Wechsel
  • Franz-Josef Ripke für Hans-Gerd Schildt (78.)
Wechsel
Trainer
  • Josef Piontek
Trainer

 

Wienhold sicher wie die Bank von England

Der Tabellenführer aus Hessen zu Gast beim Tabellenneunten, Werder Bremen. Kein leichter Gegner, nur eine einzige Heimniederlage mussten die Bremer in dieser Saison beim 2:3 gegen Mönchengladbach hinnehmen. Da nützt es der Eintracht wenig, dass die Bremer die höchste Auswärtsniederlage ihrer Bundesligageschichte die Bremer beim 0:7 in der Saison 63/64 in Frankfurt erlitten. Zumal die Gäste nur in der Saison 68/69 an der Weser gewinnen (1:0 durch Bellut nach Vorarbeit von Willi Huberts) konnten und lediglich in der Saison 64/65 ein kümmerliches Pünktchen holten, ansonsten setze es ausschließlich Niederlagen für die Riederwälder.

An der Weser hat sich zur neuen Saison einiges getan, die „Bremer Millionenelf“ gibt es nicht mehr. Nach zwei enttäuschenden elften Plätzen und vier Trainern im ersten Jahr der Millionäre sind beispielsweise Herbert Laumen und Willi Neuberger nicht mehr dabei. Laumen verschlug es in die Pfalz zu Kaiserslautern, während es Neuberger nach Wuppertal zog, wo er bisher jedoch noch nicht sein Glück gefunden zu haben scheint.

Den Kraftakt der Saison 1971/72 hat man an der Weser nicht verdaut. Damals versuchte man mit der finanziellen Unterstützung der Bremer Wirtschaft und der Stadt Bremen an erfolgreichere Tage anzuknüpfen. Es blieb beim Versuch, der wirkungs- aber nicht folgenlos verpuffte. Mit reichlich Geld, doch ohne erkennbares Konzept oder Absprachen zwischen Trainer und Vereinsführung, hatte man viele Stars aus der Bundesliga durch hohe Gehaltsangebote an die Weser gelockt - ein Wechsel Günther Netzers kam nur deshalb nicht zu Stande, weil dieser zusätzlich die Übernahme der Stadionzeitschrift Werder-Echo forderte. An diesen Käufen leidet Werder noch heute finanziell, ohne die gewünschten sportlichen Erfolge auch nur ansatzweise erzielt zu haben: Zwei elfte Plätze stehen für die teuer erkaufte Truppe zu Buche. Werder Bremen ist Ligamittelmaß geblieben.

Die Eintracht ist dagegen in dieser Saison auf dem besten Wege unter ihrem neuen Trainer Weise zur Spitzenmannschaft zu reifen. Heute vertraut Weise folgender Formation: In der Abwehr Vorstopper Kliemann, Libero Trinklein, die beiden Außenverteidiger Andree und Reichel, im Mittelfeld Hölzenbein, Körbel, Kraus und im Sturm Rohrbach, Grabowski und Parits im Zentrum sowie Wienhold im Tor.

Günter Wienhold steht damit zum dritten Mal hintereinander im Kasten der Frankfurter, weil der Stammkeeper Dr. Kunter mit einem Fingerbruch ausfällt. Die letzten Monate waren sicher keine einfache Zeit für den Nationaltorwart der Amateure, der sich im letzten - seinem ersten - Jahr bei der Eintracht schon einmal in den Vordergrund und den Platz zwischen den Pfosten gespielt zu haben schien, als ihn eine Verletzung stoppte.

Sein Gegenüber Dieter Burdenski kam in der Saison 1972/73 von Arminia Bielefeld zu Werder. Bei seinem Wechsel gehörte er mit seinen 21 Jahren bereits zu den gefragtesten Talenten der Bundesliga und wird als Torhüter der Zukunft gefeiert. Sein Start war allerdings unglücklich, Burdenski brach sich nach wenigen Tagen in Bremen das Bein und konnte erst zum Saisonende eingesetzt werden. Mittlerweile ist er allerdings seinem exzellenten Ruf, der ihm voraus eilte, gerecht geworden. Burdenski glänzt mit überragenden Leistungen und ist im Gegensatz zu Wienhold die unumstrittene Nr. 1 in seinem Verein.

Das Spiel beginnt für „Budde“ aber ähnlich unglücklich wie seine Anfangszeit bei Werder. Burdenski verletzt sich zwar nicht, sieht jedoch beim Führungstreffer der Gäste ausgesprochen unglücklich aus. Nutznießer ist Bernd Hölzenbein, der eiskalt in der 9. Minute zum 0:1 verwandelt.

Die Frankfurter kontrollieren in der Folge Spiel und Gegner und haben ein optisches Übergewicht, ohne sich allerdings eine genügende Anzahl von Torchancen herausspielen zu können. Das Frankfurter Mittelfeld ist zwar immer in Bewegung und Jürgen Grabowski bemüht sich im Angriff nach besten Kräften, aber Thomas Rohrbach gelingt heute am Flügel zu wenig Effektives. Im Zentrum bleibt der einstmals so gefährliche Mittelstürmer Parits erschreckend harmlos; die Frankfurter Führung hat dennoch bis zur Pause Bestand.

Nach der Pause drängen die Bremer mit Macht auf den Ausgleich. Und der lässt auch nicht lange auf sich warten: Nur fünf Minuten nach dem Wiederanpfiff von Schiedsrichter Kindervater ist „Acker“ Weist zur Stelle und erzielt sein siebtes Saisontor.

Weist ist ein Mittelstürmer, der sich im Strafraum am wohlsten fühlt. Er schießt seine Tore mit Vorliebe aus dem Gewühl mit kurzer Drehung und wird deshalb auch gerne „Gerd Müller im Miniformat“ genannt. Bei seinem ersten Bundesligaeinsatz für den BVB erzielte er bereits nach 120 Sekunden „sein“ Tor. Nur finanziellen Zwänge bewegten die Dortmunder den jungen Torjäger nach der Saison 1970/71 an die Weser ziehen zu lassen.

Weder Weist noch seine Kameraden geben sich mit dem Unentschieden zufrieden, und die in der ersten Halbzeit so überlegenen und abgeklärt spielenden Gäste geraten gehörig unter Druck. Ein Glück, dass Kliemann und Wienhold sich als wahre Türme in der Schlacht erweisen und die Übersicht behalten.

Die Übersicht behält zum Leidwesen der Hessen auch der Schiedsrichter, als er in der 58. Minute auf Elfmeter für die Hausherren entscheidet. Höttges legt sich den Ball am ominösen Punkt zurecht. Vielleicht sollte besser Uwe Bracht schießen, der am 11. Spieltag in Wuppertal einen Elfmeter für Werder verwandelte. Der Linksfuß ist ein begnadeter Techniker, im Gegensatz zum eher brachial veranlagten Eisenfuß Höttges. Doch beim Elfmeterschuss sind ja vor allen Dingen gute Nerven gefragt und die kann man dem Bremer Verteidiger beim besten Willen nicht absprechen. Höttges läuft an und schickt den Ball – so kaltblütig wie es nur geht – in das untere Eck des Gästetores. Doch wie durch Zauberhand ist Wienhold bereits im bedrohten Eck und wehrt den Schuss zum Erstaunen des Schützen und der Bremer Zuschauer ab. Was für eine Reaktion, welch ein Teufelskerl!

Damit nicht genug - die nächste böse Überraschung wartet bereits auf die Mannschaft von der Weser und ihre Anhänger. Fast im Gegenzug stellt Hölzenbein seine Nervenstärke vor dem Tor zum zweiten Mal unter Beweis und schießt die Eintracht erneut in Front. Wie beim ersten Treffer der Gäste macht Burdenski auch beim zweiten Tor der Frankfurter keine allzu glückliche Figur. Wie dem auch sei: 2:1 für Frankfurt.

Doch geschlagen geben sich die Gastgeber noch lange nicht. Besonders die „Hessen“ Kamp und Dietrich geben im Mittelfeld ordentlich Druck auf den Kessel und treiben ihre Farben nach vorne. Freilich ist lediglich der Neu-Isenburger Dietrich gebürtiger Hesse, der Bingener Kamp spielte jedoch immerhin 5 Jahre für Opel Rüsselsheim in der Regionalliga, bevor es ihn 1970 an die Weser zog.

Seine fußballerischen Anfänge erlebte der wendige und trickreiche Rheinpfälzer in seinem Geburtsort bei Hassia Bingen-Kempten. Über die Stationen SpVgg Fürth und Opel Rüsselsheim kam Kamp 1970 nach Bremen. Der damalige Werder-Coach Robert Gebhardt sah Kamp als 'Knipser' und lotse ihn an die Weser. Hier kamen seine wahren Qualitäten zum Vorschein: Kamp beeindruckt als unermüdlicher Renner im Mittelfeld.

Doch Kamps größte Schwächen teilt heute das gesamte Bremer Team: die mangelnde Schussstärke und die fehlende Kaltblütigkeit vor dem Tor. Vielleicht ist es aber auch nur der Tausendsassa zwischen den Pfosten des Frankfurter Tores, der den Bremen den Nerv und den Glauben raubt, dass sie ihn am heutigen Tage noch ein weiteres Mal überwinden könnten - Wienhold ist einfach nicht zu bezwingen!

Dennoch muss die Frankfurter Mannschaft in der Defensive nun Schwerstarbeit verrichten. Dass allerdings tut sie - wenn schon nicht mit Hingabe, so doch - mit großem Einsatz und einer verblüffenden Selbstverständlichkeit, die manch einer dieser technisch so beschlagenen Elf kaum zugetraut haben dürfte. Selbst Jürgen Grabowski ist sich nicht zu schade und übernimmt gegen den oft ungestüm attackierenden Zembski Verteidiger-Aufgaben. Grabi ist auch heute wieder ein Kapitän vom Scheitel bis zur Sohle, ein Vorbild an Willenskraft und Einsatz.

Bremens Trainer Piontek fehlen die personellen Alternativen, um seinem Team zu mehr Durchschlagskraft zu verhelfen. Er beklagt sich nicht, weiß er doch um die missliche finanzielle Situation seines Vereins – schließlich ist Piontek seit 1961 an der Weser. Als junger Verteidiger gewann er den DFB-Pokal mit den Bremern und spielte zwischen 1963 und 1972 in 203 Bundesligaspielen für Werder und erzielte 15 Tore. 1965 wurde er Deutscher Fußballmeister und auch deutscher Nationalspieler. Als er 1972 seine aktive Laufbahn beendete, wurde er sofort Trainer beim SV Werder Bremen.

Piontek tut also an der Seitenauslinie, was in seiner Macht steht. Viel ist das nicht: In der 78. Minute bringt er Ripke für Schildt, der noch am letzten Spieltag in Hannover mit seinem dritten Saisontreffer für den 1:0-Auswärtssieg sorgte. Heute war ihm dieses Glück nicht beschieden - neigt sich die Glückssträhne des Neuzugangs von Bremerhaven 93 etwa bereits dem Ende zu?

Pionteks Maßnahme bleibt ohne das erhoffte Erfolgsmoment: Ripke, der von den eigenen Amateuren kommt, ist wie Schildt zu Saisonbeginn zu den Profis gestoßen; es ist sein erstes Bundesligaspiel, doch ein weiteres großes Erlebnis in Form eines Tores bleibt ihm verwehrt.

Insgesamt zeigt sich die Elf vom Main - auch wenn Reichel gegen den schnellen Görts manchmal zu nicht regelgerechten Mitteln greifen muss - gegenüber dem Vorjahr entscheidend gereift. Beweglich und clever fangen sie die Bremer Angriffe ab und retten letztendlich den knappen Vorsprung über die Zeit.

Die Cleverness der Hessen lässt sich am Ende ganz einfach anhand von Zahlen belegen: Die Eintracht hat im Stile einer Klassemannschaft aus vier Chancen zwei Tore gemacht. Hölzenbein ist besonders froh: Er hat die letzten vier Tore der Frankfurter erzielt und mit seinen beiden Doppelpacks zwei Siege heraus geschossen.

Ehrlich ist die Analyse des Trainers der Eintracht: „Wer vorne mitmischen will, braucht eben Glück.“ Weise ist nach dem Schlusspfiff kritisch, aber offensichtlich mit Recht zufrieden. Gemischte Gefühle könnte man dagegen nach diesem Spiel und der fehlerlosen Leistung seines Kontrahenten beim verletzten Stammkeeper Dr. Kunter erwarten. Aber der „fliegende Zahnarzt“ erweist sich ein weiteres Mal als vorbildlicher Sportsmann: „Besser als Günter kann man gar nicht halten“, gesteht Dr. Kunter, der Rivale und Freund des Hochgelobten, neidlos ein. So sieht es auch der "Kicker" und stellt Wienhold neben Bernd Hölzenbein, der sich bereits über seine dritte Nominierung freuen kann, in die „Elf des Tages“. Dass der „Kicker“ den Torhüter außerdem zum „Mann des Tages“ macht, dürfte für den Keeper das Sahnehäubchen dieses Spieltages sein.

Frankfurt bleibt natürlich Tabellenführer, während Bremen von 9. auf den 12. Platz abrutscht; im Mittelfeld sind die Norddeutschen eben zu Hause. (rs)

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