Abstiegskampf in der Skandalsaison |
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| 1970 |
Jürgen Grabowski kehrt mit dem
Ruf als 'bester Einwechselspieler der Welt' von der WM in Mexiko zurück
und darf mitsamt der Mannschaft zunächst nachsitzen. Aufgrund der
Weltmeisterschaft wird der DFB-Pokal 69/70 erst Anfang der Saison 70/71
mit dem Achtelfinale fortgesetzt. Nachdem die Adlerträger über
den HSV (2:0) das Viertelfinale erreichen, folgt mit dem blamablen 0:3
gegen den OFC das Aus im Pokal, das ahnen lässt, dass diese Spielzeit
wenig Erfreuliches bringen wird.
Personell backt man kleine Brötchen. Die erfahrenen Kräfte Tilkowski und Lindner beenden ihre Karriere, Jusufi und Huberts verlassen den Verein. Neu an Bord sind mit Aust, Hofmann, Reichel und Rohrbach vor allem Spieler aus unterklassigen Ligen. Einzig Jürgen Papies, der von Fortuna Düsseldorf kommt, hat sich schon eine gewisse Bekanntheit erspielt. Wie dünn die Personaldecke insbesondere in der Offensive ist, weist die Tabelle zum Ende der Hinrunde deutlich aus: Mit gerade einmal neun erzielten Toren hat die Eintracht zwar immerhin elf Punkte gehamstert - für mehr als Platz 18 reicht dies aber nicht. Um die Rote Laterne möglichst schnell abzugeben, wird zur Rückrunde Dieter Lindner reaktiviert. Nun läuft es besser, aber noch lange nicht gut: Zwar werden bis zum 32. Spieltag alle Liga-Heimspiele mit Ausnahme der Partie gegen den 1. FC Köln (1:1) gewonnen, auswärts kann die Eintracht aber keinen einzigen Punkt einfahren.
Am vorletzten Spieltag kommt es dann zum Schicksalsspiel in Offenbach. Mit zwei Punkten Vorsprung auf die Abstiegsplätze rangiert die Eintracht vor dem Spiel auf Platz 15, die Kickers mit einem Punkt mehr auf Platz 14. Nachdem die Adler schon in der Hinrunde mit einem 3:0 Wiedergutmachung für das Aus im DFB-Pokal betrieben hatten, hält Dr. Kunter erneut seinen Kasten sauber, während Nickel und Hölzenbein zum 2:0-Sieg einnetzen. Da aber auch die Mitkonkurrenten um den Abstieg - Bielefeld und Oberhausen - Siege einfahren, ist die Eintracht noch nicht gerettet, zumal am letzten Spieltag der Vorjahresmeister Borussia Mönchengladbach ins Waldstadion kommt, der punktgleich mit Tabellenführer Bayern München noch Meisterschaftsambitionen hegt. Und beinahe geht es schief: Zwar steht es zur Halbzeit noch 1:1, doch dann schlägt ein Duo zu, das mehr als 20 Jahre später als Trainergespann der Eintracht grandios scheitern wird: Heynckes und Köppel schießen den 4:1-Sieg für die Fohlen heraus und sichern der Weisweiler-Elf die erneute Meisterschaft, da die Bayern in Duisburg mit 0:2 verlieren. Die Eintracht kommt trotzdem mit einem blauen Auge davon und beendet die Saison mit einem Punkt Abstand zu einem Abstiegsplatz als 15., denn von den in der Tabelle hinter ihr platzierten Mannschaften kann lediglich Arminia Bielefeld gewinnen. Dass viele Eintrachtfans an diesem Tage sogar zwei Gründe zum Feiern haben, verdanken sie dem 1. FC Köln. Die Geißböcke gewinnen gegen die Kickers, die daraufhin zusammen mit Rot-Weiß Essen absteigen. Einen Tag nach Saisonende platzt die Bombe: OFC-Präsident
Canellas geht, nachdem er den sportlich verdienten Abstieg seines Clubs
mit pekuniären Mitteln nicht verhindern konnte, in die Offensive.
Der Obst- und Gemüsehändler spielt den Gästen seiner Geburtstagspartie
Bandaufzeichnungen von Telefonaten vor, die aufzeigen, dass in der gerade
beendeten Saison diverse Spiele verschoben wurden. Die nächsten Jahre
hat DFB-Chefjustiziar Hans Kindermann viel zu tun. Neben den Vereinen
aus Bielefeld und Offenbach, denen die Lizenz entzogen wird, sind auch
Schalke 04, Hertha BSC Berlin, der MSV Duisburg, der VfB Stuttgart, der
1. FC Köln, Rot-Weiß Oberhausen und Eintracht Braunschweig
in den Skandal verwickelt. Mehr als 50 Bundesligaprofis werden teilweise
mit lebenslangen Sperren bestraft (und später wieder begnadigt).
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© text by fg